Dienstag, 24. Februar 2015

Déjà-vu

Freunde, heute fröstelt es mich etwas. Der sonst immer strahlend blaue Himmel ist zum ersten mal durch Wolken verunstaltet - gut, es sind jetzt nicht direkt Regenwolken, das wäre ja noch schöner - aber das verdammte Thermometer ist tagsüber unter 30 Grad gefallen. Ich weiß, für die die diese Zeilen im deutschen Winter lesen mag es kurios klingen, aber hier lässt es Gänsehaut aufkommen. Es ist jedoch nicht Neid den mein erster Eintrag aus Chile erzeugen soll, sondern Mitleid. Jawohl, Mitleid, denn...

Was meinen werter, aufmerksamer, treuer Leser? Der Satz sei Euch schon mal untergekommen? Jaaaaahahaha warum meinet Ihr denn heißt dieser Post "Déjà-vu"? Jetzt wisset Ihr wie es mir auf dem Herflug und in den ersten Tagen hier ergangen ist. Und zwar kein Déjà-vu eines Tages, nnneeiiiiinnnnn, sondern eher ein worst-of bestimmter Tage. Und genau davon werde ich berichten, aber erst nach dem mir Salma einen heißen Tee und vielleicht eine wärmende Decke gebracht hat. Nein Salma, keinen Rum in den Tee!!! Was, es ist Flor de Cana? Nein, selbst dann nicht. Und nein, du musst auch nicht mit unter die Decke!!! Doch, selbstversändlich bist du noch genau so hübsch wie vor vier Jahren. Ach was sag ich denn da, noch hübscher!!!

Wie immer beginnt eine solche Reise mit dem Flug. Nürnberg - Frankfurt war pünktlich, schnell und unspektakulär wie immer. In Frankfurt ein halbstündiger Fussmarsch, wie immer, was aber vor so einem langen Flug gar nicht schlecht ist. Bei der Strecke Frankfurt - Sao Paolo werde ich nicht, wie immer, über die Stewardessen lästern, denn die waren wie immer und darüber ist alles gesagt. Noch werde ich mich negativ über das Essen äusern. Es war wie immer. Diesmal haben sie sich cleverer angestellt. Bei der Wahl haben sie Hühnchen oder Pasta angegeben.  Also konnte zweiteres jegliche Teigware enthalten. Ja sie haben noch nicht einmal die Farbe der Soße angegeben (rot oder weiß), vom Geschmack ganz zu schweigen. Auf dem Kaffeewagen wurde Chantré wie immer als Brandy angeprießen. Die Auswahl der Filme war gut wie immer. Deswegen berichte ich auch nicht mehr über diese Aspekte. Sondern über folgendes.
Als ich einstieg, und ich hab mir damit Zeit gelassen, sah ich dass der Platz neben mir frei war und dachte, ach wie gut. Als sich mir aber der Grund dafür durch die Ansage des Captains erschloss, der kundtat dass wir nicht zur vorgesehen Zeit losfliegen können, weil nicht alle Passagiere an Bord sind, ihr Gepäck aber schon und das wird gerade im Frachtraum wild gesucht, um es wieder rauszubefördern - kannte ich schon aus Mexico Stadt, bloß dass ich damals derjenige war dessen Gepäck rausgeschmissen wurde. Da dachte ich, ach wie schlecht. Also eigentlich dachte ich schlechter, aber diese Worte wollen wir ja in einem FSK 0 Blog nicht aufführen. Es war klar dass jetzt die Umsteigezeit in Brasilien, die mit einer Stunde zehn Minuten eh schon knapp bemessen war für einen Terminalwechsel, noch weiter schrumpfen würde. Dann fügte aber selbige Stimme hinzu (es war wohl der von denen im Cockpit der noch am nüchternsten oder gerade nicht mit einer Stewardess beschäftigt war) daß wir die Zeit bis vielleicht auf fünf Minuten einholen werden. Da dachte ich wiederum, dann ist ja gut. Nach gut einer dreiviertel Stunde ging es dann los. Aber nicht weit, denn Vielflieger unter euch wissen was passiert wenn man seinen Abflugslot verpasst. Richtig, man darf sich an der Startbahn ganz hinten in der langen Reihe bunter Fluggeräten anstellen. Und das kann dauern. In unserem Fall nochmal fünfzig Minuten. Nach dem Abheben kam die Durchsage dass wir uns an Bord der neuesten Generation dieses Flugzeugtyps befinden, der auch mit der neuesten Unterhaltungselektronik ausgestattet sei und dass, um uns nicht weiter zu stören, man sich nicht mehr mit zwischenzeitlichen Fluginformationen wie Routen und Zeiten melden werde, denn diese könne man ja selber auch abrufen. Wollte man das tatsächlich tun, dann antwortete die neueste Unterhaltungstechnik mit einem schwarzen Bildschirm. War aber auch gut so, denn sonst hätte ich wahrscheinlich während des ganzen Fluges versucht abzuschätzen ob wir nun Zeit aufgeholt haben oder nicht. So hatte ich mich einfach damit abgefunden dass mir die Luftfahrtgesellschaft einen längeren Aufenthalt in Brasilien gönnt. Um so überraschter war ich als man uns kurz vor der Landung mitteilte dass wir tatsächlich die Zeit bis auf zehn Minuten aufgeholt haben. Und um so größer die Anspannung als wir einfach auf dem Rollfeld stehen blieben, weil ein anderes Flugzeug unsere Parkposition blockierte. Als ich endlich das Flughafengebäude betrat, waren es noch genau fünfundzwanzig Minuten bis zum Anschlussflug. Genau dies ist seinerzeit in Bogota passiert, auf dem Heimflug aus Ecuador. So sprintete ich also los Richtung des anderen Terminals. Zwischenzeitlich dachte ich dass ich mich verlaufen hätte, irgendein Richtungsschild übersehen, denn ich war allein unterwegs, wie in einem Geisterflughafen. Das ich aber die korrekte Richtung eingeschlagen hatte, bestätigte mir der freundliche Beamte an der Sicherheitskontrolle zwischen den Terminals. Warum man die dort aufgestellt hatte ist mir ein Rätsel, denn die Verbindung zwischen den Terminals ist ein ewig langer, verglaster, geschlossener Korridor. Man kommt an diesen Punkt nur hin wenn man entweder aus einem Flieger kommt oder die Sicherheitskontrolle am Eingang passiert hat. War aber in Bogota auch schon so. Da standen also gut zehn Beamte rum, die froh waren endlich mal was zu tun zu bekommen. Das ganze Prozedere mit Taschen leeren, Netbook raus etc. durfte ich nochmal durchlaufen. Zu allem Übel brachten die Schnallen und Ösen an meinen Wanderschuhen das Ding zum piepsen. Mein flehender Blick und die Erklärung dass mein Anschlussflug in zehn Minuten abhebt haben nichts gebracht, also Schuhe aus, aufs Band gelegt, nochmal durchgehen, anziehen, Sachen in die Hosentaschen stopfen, Netbook zurück in den kleinen Tagesrucksack und erneut zum Sprint angesetzt. Aber ich habe es geschafft.

Mein großer Rucksack nicht. Genau wie auf dem Rückflug aus Ecuador. Diesmal stand aber ein Angestellter der chilenischen Fluggesellschaft (die letzte Strecke wurde nicht von Lufthansa bedient) am Gepäckband und ist auf den mit dem verzweifelsten Blick zugegangen, also mich. Man hätte ihn aus Sao Paolo bereits informiert dass ein Gepäckstück nicht an Bord sei. Schnell die üblichen Fragen beantwortet: welchem Gepäck auf der Schautafel sähe es denn am ähnlichsten, welche Farbe etc, dann schnell noch ein Transportservice in die Stadt gebucht und dann von den ersten wärmenden Sonnenstrahlen umgarnen und trösten lassen.
Ich hatte ja schon damit gerechnet dass das mit dem Rucksack nicht klappt und habe im Handgepäck genügend Anziehtechnisches zum wechseln eingepackt. Womit ich nicht gerechnet hatte, dass die mir tatsächlich mein Rucksack bereits am nächten Tag ins Hostal liefern. Gut, der Waschbeutel der ganz oben drauf lag war jetzt in einer Tüte an einen der Tragegurte angebunden, aber es war alles da. Genau wie vor etwas mehr als einen Monat in Nürnberg, nur dass es damals drei Tage dauerte bis ich in den Wiederbesitz meiner Sachen kam. Wenn es auf dem Rückflug passiert, sieht man das Ganze aber auch etwas entspannter.

Jetzt wird sich der einmal mehr aufmerksame Leser fragen, warum ich den in einem Hostal gelandet bin und nicht in der tollen Wohnung vom letzten mal, mit der riesigen Terasse. Oder wenn schon nicht in dieser, warum nicht in einer anderen. Zur ersten Frage: Nel, der Besitzer der Wohnung in der ich beim letzten mal untergekommen bin, ist eine Woche vor meiner Ankunft in einen vierwöchigen Urlaub nach Asien aufgebrochen und kommt auch erst eine Woche vor meiner Abreise aus Santiago zurück. Deswegen habe ich mich an die selbe deutsche Agentur gewendet, die seinerzeit den Kontakt zu Nel hergestellt hat. Um sicherzugehen gleich noch an eine Chilenische, deren Homepage auch einen sehr vertrauenswürdigen Eindruck macht. Tja, beide haben es nicht geregelt bekommen und die Ausreden waren vielfältig: mal weil der Besitzer in Urlaub sei, mal weil er lieber jemandem das Zimmer für einen längeren Zeitraum als nur vier Wochen vermieten möchte und mal hat man auch zugegeben dass man schlicht und einfach überlastet ist. War in Ecuador auch schon so, auch dort musste ich für die ersten drei Nächte in ein Hostal, mit dem Unterschied dass es dort keine Agentur war, sondern ein eher uninteressierter vor Ort Vertreter der deutschen Hilfsorganisation die die Fundación unterstützen soll. Aber genau wie in Quito hat es am Montag nach meiner Ankunft doch noch geklappt. Dort war es die ecuatorianische Chefin der Fundación die die Sache in die Hand genommen hat und hier hat es nach telefonischem Druck und wahrscheinlich die Angst dass sie meinen heißen Atem im Genick spüren werden wenn ich in ihrem Büro aufschlage und mich hinter sie pflanze, während sie PC und Telefon bedienen und zwar so lange bis sie mir ein Dach über dem Kopf besorgt haben. Nach dem ich an diesem Montag Nachmittag die Vermittlungsgebühr und die erste (und einzige) Monatsmiete bezahlt habe, konnte ich Abends mein Zimmer beziehen.
 
Die Wohnung und die WGler sind schon sehr speziell. Aber darüber berichte ich am besten erst wenn ich da ausgezogen bin, denn da kann (und es wird) sich noch sicherlich so einiges erzählenswertes ereignen.
 
SSSaaaaaaaaalllllllllllmmmmmmmmmmaaaaaaaaaa...........................

Mittwoch, 12. November 2014

Colada Morada


Lasset mich mit einer kleinen Variation (GKV 23) auf dem Thema eines Abschnittes aus dem letzten Post beginnen, insbesondere für Diejenigen die hier erst anfangen zu lesen oder vergessen haben was sie gelesen haben.

Is(s)t man Ende Oktober/Anfang November in Ecuador, so kommt man um Colada Morada nicht drumrum. In jedem Haushalt wird sie zubereitet, jede Bäckerei, Konditorei oder Restaurant bietet sie feil. Man könnte den Eindruck haben dass die ganze Stadt danach duftet - gut, wenn der Smog nicht wäre.

Was ist den nun diese Colada Morada? Eine Süßspeise. Freuet euch nicht dass hier der Post schon zu Ende ist. Neeeiiiinnnnn. Ich erspare euch nicht all die Details. Fangen wir mal mit der Namensgebung an. Mora ist die Brombeere. Außer dass sie eine der unzähligen Ingredenzien ist, hat die Süßspeise im Endstadium genau diese Färbung. Soweit die appetitliche Erklärung. Eine andere wäre dass morado der Bluterguss ist und dieser entspricht ja auch der gleichen Nuance. Colada kennen die Meisten von dem super süßen Cocktail Pin(tilde)a Colada und bedeutet (Ab)Gießen bzw. das Verb colar steht für sieben. Apropos pin(tilde)a, Annanas ist eine weitere Zutat.

Wie wird die Colada Morada zubereitet? Man startet damit Aromen herzustellen. Es wird eine Infusion hergestellt mit Zimtstangen, Nelkennägel, ishpingo (Ocotea quixos, Lauraceae), süßem Pfeffer, Zitronenstrauchblätter, Zitronenverbeneblätter, Myrte und ataco (Amaranthus quitensis). Ist der Sud fertig, werden Brombeeren, mortin(tilde)o (eine Heidelbeerenart die nur in den Anden wächst), naranjilla (Lulo oder weiterhin für die Biologen Solanum quitoense)

und Mehl vom schwarzen Mais hinzugefügt. Was in Südamerika nie fehlen darf ist Zucke und das auf keinen Fall zu knapp. Langsam wird das Ganze unter ständigem Rühren (ich hab jetzt noch einen Drehwurm von der Zubereitung in der Fundación) aufgekocht, bis es eindickt. Zwischendrin wird es gesiebt. Kurz bevor die die das Sagen hat sagt "fedich" werden noch klein gewürfelt babaco (Andenpapaya), frutilla (eine kleinwüchsige amerikanische Erdbeerart) und nochmals Ananas hinzugefügt.


Die Colada Morada nimmt man nicht einfach so zu sich. Sie wird immer und untrennbar von den Guaguas de Pan begleitet. Dies sind süßen Brötchen, in Kinder- oder Tierform, verziehrt mit grellen Farben und mit Käse, Marmelda oder Schokocreme gefüllt. Als die für die Fundación vorbestellten 140 Guaguas in der Bäckerei abgeholt wurden, war sie wie immer in diesen Tagen mehr als überbevölkert, so dass man kaum mit dem Auffüllen der Regale nachkam. Dadurch waren die Hälfte der Guaguas nicht verziehrt. Es hat sich als Glücksfall herausgestellt, denn den Kindern hat das Verziehren ihrer eigenen Guagua de Pan mindestens so viel Freude bereitet wie später das Verzehren selbiger. Es war auch sehr rührend zu beobachten dass viele der Kinder nicht alles aufgegessen haben, sondern auch noch was für die Anderen, zu Hause, mitgenommen haben.

Traditionell wird die Colada Morada am 2ten November verspeißt, also an Allerseelen. In Ecuador ist dies der Feiertag an dem alle frei haben und nicht Allerheiligen. Und der 3te ist dann auch gleich noch frei, weil dies der Befreiungstag der Stadt Cuenca ist. So haben also alle genug Zeit zu ihren Familien zu fahren, um nach dem Besuch des Grabes ihrer Verstorbenen gemeinsam Colada Morada zu essen (manche ziehen es aber auch vor das verlängerte Wochenende einfach am Strand zu verbringen). Jetzt ist es aber so dass, wie bereits erwähnt, die Süßspeise in jeder Familie zubereitet wird. In rauen Mengen. Und schon in den letzten Oktoberwochen. So kommt die Mutter vorbei und bringt ihre Colada Morada. Die Schwester kommt auch vorbei und bringt ihre Colada Morada. Die von der Nachbarin muss natürlich auch verkostet werden. Und die von diversen Freunden und Freundinen. Na und die von der Dame des Hauses erst recht. Anders ausgedrückt, ich habe so viele Colada Moradas gegessen und genau so viele Guaguas de Pan geköpft, wie oft die Worte Colda Morada in diesem Post vorkommen. Natürlich habe ich bei jeder gesagt dass sie mir schmeckt und dass sie wahrscheinlich die Beste ist. Der Dame des Hauses habe ich aber versichert dass ich es bei ihr mit dieser Aussage ernst meine.

Oh ihr Frevler, die ihr jetzt schadenfroh und hämisch lächelt ob der vielen Colada Moradas die ich mir reinzerren musste. ERZITTERT!!!!!!!!!!! Den die Dame des Hauses hat unter Einsatz ihres Lebens auf einem verbotenen Schwarzmarkt extra für mich ein Päckhen fertig Colada Morada gekauft, zum mitbringen. Dieses muss man nur anrühren und die Früchte dazu geben - ist hier in Ecuador strengstens verboten und das Strafmaß lautet zehn Peitschenhiebe auf der Plaza Grande, aber nur dank der unendlichen Milde des neuen Präsidenten (davor war es noch der Scheiterhaufen). Ich werde bärsönlich die 2 Liter anrühren für denjenigen bei dem die Schadensfreude am größten war, werde neben ihm sitzen während er es sich einflößt und werde schön gesalzene Erdnüsse essen und ein kühles Bier trinken.

Donnerstag, 6. November 2014

Fundación

Was meinen, werter Leser? Ob es denn nicht mein Ziel war in den ersten vier Wochen ein Volontariat zu machen? Doch, doch, mein Herr. Warum ich denn dann über den Flug, das Wetter und Kirchen schwafele und die eigentliche Aktivität der ersten Hälfte der Reise verschweige? Na, na, mein Herr, wer wird denn so ungeduldig sein und dann auch noch so harsche Worte wie verschweigen benutzen! Wollet ihr mir den vorwerfen dass ich den ganzen lieben Tag lang in Museen und Bars rumhänge und womöglich gar keinen karitativen Tätigkeiten nachkomme? Nein mein Herr, ihre Antwort werde ich jetzt nicht aufschreiben; solch Worte kommen mir weder über die Lippen, noch werden sie durch meine Finger in den Äther fliesen. Jedoch bin ich bereit ihrem Anliegen Genugtuung zu verschaffen.

Keuchend, ächzend und dunkle Abgaswolken ausstoßend quäult sich der vollgestopfte Bus im ersten Gang und Schritttempo den mehr als steilen Hang hoch, an dem sich im Norden von Quito das Viertel Santa Maria befindet. Also Schrittttempo von Menschen in der Ebene. Hier bewegen sich die Menschen nur infinitdesimal nach vorne, weswegen auch viele bereit sind die 25 Cent zu bezahlen, selbst wenn sie nur bis zur nächsten Haltestelle mitfahren. Die paar die doch laufen, atmen schwer durch den Mund; genau wie der Bus, der vorne die Schnautze zum Motorraum hin offen hat. Obwohl der Fahrer diese Strecke bestimmt schon tausende mal gefahren ist, versucht er manchmal in einem Gefühl von Idealismus oder Selbstüberschätzung in den zweiten Gang zu schalten. Sobald er die Kupplung tritt, bleibt der Bus schlagartig stehen und schon ist nur noch die vordere Hälfte vollgestopft(er). Tritt er nun das Gaspedal, ist wie durch Zauberhand die hintere Hälfte überbevölkert. Selbstverständlich schafft der Bus diese Steigung nicht und das ganze Prozedere wiederholt sich beim zurückschalten in den ersten Gang.

Ist ja gut, mein Herr! Ich verliere mich nicht weiter in die Beschreibung der Anfahrt, sondern komme auf die Fundación zu sprechen.

Nahe der Endhaltestelle, inmitten von grauen, meist unverputzten, wild in die Gegend gebauten, aber nicht immer fertiggestellten Häusern, befindet sich wie ein bunter Klecks die Fundación Para Dar Esperanza, deren Mauer und Fassade als überdimensionales, fröhliches Gemälde gestatlet ist.

Noch vertreiben sich die bis zu 70 Kinder, die kleinsten sind erst 3, die Zeit mit Spielen, Fussball oder den umherstreunenden, zahmen Hunden. Letztere, von denen es fast genau so viele gibt wie Kinder, machen echt was mit in der oft vergeblichen Hoffnung etwas zu futtern abzubekommen. Ein Junge dreht sich schnell um die eigene Achse, den Schulranzen weit weg gestreckt und erwischt einen voll an der Schnautze. Ein Anderer versucht sich als Reiter auf einem der Viecher, was dieser nicht aushält und zusammenbricht. Und doch ist kein Jaulen oder gar Bissversuch zu vernehmen.

Als sie mich entdecken kommen einige auf mich zugerannt. Die Kleinen wollen umarmt werden, die etwas größeren Mädchen begrüßen mich, wie in Südamerika üblich, mit einem Küsschen auf die Wange und die größten, um die Vierzehn sind schon cool, d.h. die Jungs tauschen mit mir eine Reihe von Handschlägen aus, wärend die Mädchen es vorziehen damenhaft aus der Ferne zu winken. Ich gehe rein und da fällt die Begrüßung mit den vier Mitgliedern des Lehrkörpers (Lili, Sole, Anita, Ricki) und Pati, der guten Seele der Küche, genau so herzlich aus.

Dann geht es auch schon los. Sobald das Tor geöffnet wird, ströhmen die Kinder in den Hof. Manche der Hunde quetschen sich auch zwischen den vielen Beinen durch, werden freundlich aber bestimmt gleich wieder rauskomplementiert. Bevor es in die vier Räume geht, wird erstmal Hände gewaschen. Die ganz Kleinen, noch im Kindergarten oder der Vorschule, haben ihr eigenes Reich in einem Gebäude auf der anderen Seite des Hofes. Die Anderen teilen sich in drei weitere Gruppen ein, mal nach Altersklassen, mal nach "keine Hausaufgaben", "Mathe-Hausaufgaben" und "sonstige Hausaufgaben (Englisch, Sozialkunge, Geschichte etc.)". Gibt es mal keine Hausaufgaben in Englisch, was so etwas wie meine Exklusivdomäne ist, dann springe ich da ein wo Not am Mann herrscht. Das Üben und Wiederholen wird immer wieder praktiziert: das Alphabet, das Ein-mal-Eins, Verben, Vokabeln und dabei lerne ich auch einige neue spanische Worte - während der leckere Duft der aus der Küche durch die Räume wabert immer intensiver wird. Aber natürlich geht es nicht immer soooo ernst zur Sache. Die Kleineren wollen schon mal auf den Arm genommen werden, andere Durchgekitzelt oder durch die Luft gewirbelt werden. Und immer wieder muss ich den Trick mit den beiden Münzen vorführen, bei der die Eine aus einer Hand durch die Tischplatte in die andere Hand wandert. Die Größeren ziehen es vor, falls sie mal schneller fertig sind, gegen den Ball zu kicken. Nicht nur ich versuche mehr über die Kinder und Jugendliche zu erfahen, sondern auch ich beantworte immer wieder Fragen (aus welcher Stadt kommst du, hast du eine Freundin, gibt es Schnee in Deutschland etc).

Nach gut eineinhalb Stunden gibt es Essen und jedes der Kinder nimmt ein dampfendes Schüsselchen und einen Löffel in Empfang. Viele von ihnen haben Probleme in der Familie und das Geld ist sowieso knapp. So ist dies für Einige die einzige Möglichkeit was Warmes zu sich zu nehmen; und auch die einzige Möglichkeit bei schulischen Fragen Unterstützung zu erfahren - bei dem ein oder anderen Zuwendung überhaupt.

Nach dem Essen muss jeder sein Schüsselchen und den Löffel selbst spülen und dann heißt es Zähne schrubben. Wer mit den Hausaufgaben fertig ist darf nach Hause gehen. Meistens bleiben noch ca. eine Handvoll, entweder weil der Lehrer mal wieder recht großzügig war bei der Verteilung der deberes oder weil diese vermaledeite Division schon verwirrend sein kann.

Anschließend ist für den Lehrkörper oft noch nicht Feierabend. Es gilt Hausbesuche zu machen oder "außerschulische" Aktivitäten vorzubereiten.

Zum Beispiel das Verpacken von Geschenken, denn jeden letzen Donnerstag im Monat fällt die Zeit für Hausaufgaben etwas kürzer aus, dafür stehen dann die Geburtstagskinder im Mittelpunkt. So landen in einfachen Tüten Hefte, Stifte, aber auch Süßigkeiten und Spielsachen die aus Spenden stammen und zum Teil bei weitem nicht mehr ganz taufrisch sind. Erst wird gespielt und gesungen, dann werden die diejenigen aufgerufen die ein Jahr älter geworden sind und selbstverständlich bekommen sie ihr Geburtstagsständchen. Kuchen und Süßspeisen gibt es dann für alle.

Is(s)t man Ende Oktober/Anfang November in Ecuador, so kommt man um Colada Morada nicht drumrum. In jedem Haushalt wird sie zubereitet, jede Bäckerei, Konditorei oder Restaurant bietet sie feil. Man hat den Eindruck dass die ganze Stadt danach duftet. Da sich viele Familien der Kinder diese Speiße nicht leisten können, haben wir sie an einem Samstag in der Fundación zubereitet.

Was Colada Morada ist, mein Herr? Nun dazu müsst Ihr euch noch etwas gedulden, den so einem wichtigen, über einen geraumen Zeitraum alles beherrschenden Thema widme ich selbstverständlich einen eigenen Post.

Nach Feierabend fahre ich mit dem Bus mit Lili, Sole und Anita wieder den steilen Hang runter. Ricki zischt auf seinem Motorad an uns vorbei. Es wird viel geredet und man neckt sich gegenseitig. Mein Blick nimmt die tolle Aussicht von hier oben war und schweift über das beleuchtete Straßennetz von Quito, während in mir bereits jetzt ein Gefühl des Bedauerns aufsteigt, dass ich in paar Tagen weiterziehen muss, trotz der imensen Vorfreude das restliche Land kennenzulernen.



Anm.d.Red.: man verzeihe dem unbedachten Schreiberling dass, er nicht das Emma- bzw. Gewerkschafts-korrechte LeserIn oder gar meinE Dame/Herr zu Papier gebracht hat.

Freitag, 31. Oktober 2014

Quitenische Kirchen



Heute kommen wir wie angekündigt, angedeutet oder angedroht auf die Gotteshäuser der Hauptstadt zu sprechen. Allein aufgrund der imensen Anzahl gibt es von diesem Thema kein Ausweg. Der Reiseführer empfielt den Besuch von 15 Kirchen in der kolonialen Altstadt, deren Ausdehnung nun wahrlich nicht so groß ist. Wie gesagt, es handelt sich um die Empfohlenen und bei weitem nicht die komplette Anzahl. Die Unzähligen aus der restlichen Metropole werden gar nicht erwähnt, auch wenn diese als Kontrapunkt zu ihren Urahnen sozusagen, zum Teil eine recht ausgefallene Architektur vorzuweisen haben.

Die Kirchendichte in der Altstadt ist so groß, dass sich z.B. die Iglesia El Sagrario direkt an die Kathedrale anschließt und mit dieser zu einem Sakralkomplex verschmilzt. Über die beiden kann ich nichts aus eigener Erfahrung berichten, da sie immer verschlossen waren als ich vorbei kam. Dafür über zwei, drei andere.


Básilica del Voto Nacional
 
Die wohl neueste und größte Kirche der Altstadt, ja sogar die größte neo-gothische Kirche des gesamten Kontinents, hat einige Besonderheiten aufzuweisen. Beim Namen fängt es an, der mit Basilika der Nationalen Abstimmung doch recht ungewöhnlich ist. Und das kam so: ein Pater, selbst Abgeordneter, hat dem Kongress vorgeschlagen ein Monument zur Konsekration Ecuadors zum Herzen Jesu zu errichten. Dies wurde in einer Abstimmung angenommen und ein Dekret erlassen - warum auch nicht, es gibt ja so wenige Kirchen in Quito. So beauftragte man kurz vor der vorletzen Jahrtausendwende einen französichen Architekten, der Grund warum sie wohl auch oft mit Notre Dame verglichen wird. Und kaum vergehen 100 Jahre, ist sie auch schon fertig, also beinah, auch wenn der vielreisende Pole-Paul sie bereits 1985 gesegnet hat und die Inauguration drei Jahre später stattfand. Mitlerweile hat sich hier so etwas wie ne Legende oder Sprichwort etabliert, dass wenn die Basilika je fertiggestellt sein sollte, dann ein großes Unglück passiert, ja manche sprechen sogar vom Ende der Welt. Selbst wenn das stimmt, mache ich mir da wenig Sorgen, wenn ich an den Kölner Dom oder an die Sagrada Familia denke.

Bereits von Außen sind einige Auffälligkeiten zu beobachten. In manche Steine sind Familiennamen reingehauen. Klar, denn bei einem so langen Zeitraum langt das von der Politik bewilligte Budget vorne und hinten nicht, also müssen auch Spender her. Und schließlich ist es ja auch eine nationale Aufgabe. Manche waren wohl großzügiger, denn einige Namen tauchen gleich auf zwei Steinen auf. Die Wasserspeier sind nicht nur phantasie- oder religiöse Figuren, sondern hier hat man auch auf die in Ecuador lebende Tiere zurückgegriffen: Krokodile, Iguanas, Delphine etc. Und die große Fensterrosette über dem Hauptportal ist nicht rund, wie so oft, sondern um an den Grund des Anlasses zu erinnern in Herzform.

Drinnen sind zwar wie üblich Statuen von Aposteln und Evangelisten, aber statt Heiligenbilder sieht man Bildern von Staatsmännern. Deren sterblichen Überreste befinden sich in einer Rumeshalle ein Stockwerk tiefer. Gegen einen Obullus von 2 Dollar kann man die Türme besteigen, erst über konfortable Steintreppen, dann über nicht mehr so konfortable, gußeisene Schneckentreppen. Aber nicht nur das, man kann über die gesamte Länge des Längsschiffes laufen und dann den Turm des Querschiffes besteigen, was sich recht abenteuerlich gestaltet, da die quasi Leitern super eng sind (weswegen keine amerikanische Touristen gesichtet wurden), mega steil und draußen, in luftiger, windiger Höhe verlaufen. Gott sei Dank haben sie einen beidseitigen Handlauf spendiert, in den sich die Hände bis zum weißen anlaufen der Fingerknöchel verbissen. Da waren die beiden Türme über dem Hauptportal schon bequemer. So bequem, das der Hauptstädler, ganz Geschäftsmann, in den Einen das höchstgelegene Café von Quito und in den Anderen ein Souvenirshop einbaute. In dem mit dem Café konnte man bis ganz oben hin aufsteigen. Neben den nicht funktionierenden Uhren gab es noch zwei Jugendliche zu bestaunen, die sich die luftige Lokation als Drehort für ihr selbstgemachtes Musikvideo ausgesucht haben. Dabei lag der Kameramann auf dem Rücken und der Darsteller tat so als würde er in Rage auf ihn einprügeln, während die dazugehörende Musik aus einem alten CD-Player, dessen Boxen schon ziemlich gelitten hatten, krächzte. Nach mehrmaliger Betrachtung der Aufnahme war man anscheints mit dem Ergebniss nicht zufrieden, den man wiederholte alles wieder und immer wieder. Nach dem vierten mal begann ich mit dem Abstieg.

Eines hatten alle drei Türme gemeinsam: die phantastische Aussicht. Von dem Hinteren in Richtung Berge und von den Vorderen über die Altstadt und dem dahinter gelegenen Panecillo.


Iglesia La Compania de Jesús
 
Wenn sich Reiseführer, Gastfamilie und krächzende Lautsprecherstimme im Touri-Bus einig sind, dann muss es sich wohl um die schönste Kirche in ganz Quito handeln, ja gar in ganz Hispano-Amerika. Kätzer würde sagen um die kitschigste. Die traute Einigkeit geht weiter dass es die Jesuiten waren und dass es sich um Barock handelt. Dann fangen die Meinungen an auseinander zu gehen. Der Reiseführer findet es handele sich um ein herausragendes Beispiel amerikanischen Barocks und will sogar mudjédar Stilelemente sehen (was nicht ganz abwägig ist), ein großes Plakat in der Kirche behauptet aber es sei augsburger Barock. Auf jeden Fall glitzert und funkelt es überall und man wird von dem vielen Gold erschlagen, zumal die Kirche im Vergleich auch recht niedrig ist. Es sind nicht nur die kunstvoll geschnitzen Ornamente vergoldet, sondern auch der Hintergrund, auf dem diese platziert sind. Die Decke, Säulen, die Wände bis zum Boden. Angeblich sollen seinerzeit zwei Tonnen des Edelmetalls verarbeitet worden sein. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten und der ein oder andere Schlaue ist auf die Idee gekommen es abkratzen zu wollen; deswegen patroulliert fleißig Security die Gänge entlang.

Sowohl im Kirchenschiff, in der Sakristei und in drei Räumen hinter der Kirche gibt es Gemälde der Escuela Quitena zu bewundern - so langsam rechtfertigen sich die vier Dollar Eintritt. Diese Malschule wurde auch von den Jesuiten ins Leben gerufen. Die schlauen Ordensbrüder haben sich gedacht, warum teuere Gemälde aus Deutschland anschaffen. Wir schnappen uns die talentierten Eingeborene, bilden sie am Pinsel aus und lassen sie Kopien anfertigen, nach den Drucken und Stichen der augsburger Originale. Diese Vorgehensweise ging später als die chinesische Methode in die Geschichtsbücher ein und wurde oft kopiert (!!!). Auf jeden Fall sind die Ausstellungsräume gut gemacht, da man vor jedem Bild in klein das Vorbild sehen kann und damit auch die Unterschiede. Man stellt fest dass es sich nicht um 1:1 Kopien handelt. Das Original ist zwar noch eindeutig zu erkennen, aber die quitenische Varianten sind farbenfroher, manche würden sagen naiver und man hat in den Details Lokalkolorit reingebracht (Indios, für Europäer exotische Tiere etc.). Und ich meine zwei Vorlieben der Südamerikaner ausgemacht zu haben: sind die Drucke meistens in Hochformat, so sind die Gemälde fast alle im Querformat und sind im Original ein, zwei Putten, dann tauchen in der Kopie ganze Heerscharen davon auf - anscheints steht man hier auf pausbäckige, übergewichtige Kinder.



Iglesia de San Francisco
 
Diese Kirche muss ich schon allein aus Gerechtigkeitsgründen mit aufführen, denn wenn ich jetzt so oft die Jesuiten erwähnt habe, dann sollen die Franziskaner nicht zu kurz kommen; wahrscheinlich aber auch weil mir jetzt ein schönes, kühles Franziskaner ganz gut schmecken würde. Und weil die Kirche aus den Steinen eines Inkapalastes errichtet wurde, der vorher an gleiche Stelle zerstört wurde. Und weil sie wegen Erdbeben und Brände unterschiedliche, wild gemixte Stile aufweißt. Und weil mitten im Altar die beflügelte Maria tänzelt, Vorbild für ihr überdimensionales Ebenbild auf dem Panecillo. Und weil sich unter der Kirche, mit Zugang von dem davorliegenden großen Platz, ein Restaurant befindet, das auch Cerveza artesenal verkauft, also kein "Industriebier", sondern ungefiltertes, von einer ganz kleinen Brauerei; aber dies ist nichts besonderes in Quito. Also das mit dem besonderen Bier schon, aber dass man unmittlerbar unter der Kirche dem Komerze nachgeht. Unter der hier Ersterwähnten befinden sich ca. 10 kleine Läden die von Knabbereien bis Installationsrohre alles verkaufen und unter der Kathedrale sind vier Minicafés.

Zur Kirche gehören auch noch zwei Kapellen und das Franziskanerkloster. Beides konnte ich nicht besichtigen, da das Kloster sonntags um die Mittagszeit geschlossen wird und die Kapellen am gleichen Tag um vier geöffnet werden sollten, was aber nicht geschach. Sollte es noch dazu kommen, werde ich den Bericht selbstverständlich nachreichen, da ich ja weiss wie heiß ihr auf klerikale News seid.



La Capilla del Hombre

Abschließen möchte ich diesen Post mit einer besonderen Kapelle. Sie, insbesondere der "Inhalt" stammt von Oswaldo Guayasimin, der als der wichtigste Künstler Ecuadors gilt und ist der Menschheit gewidmet. Sinngemäß hat er gesagt: wenn wir Kirchen für Götter bauen von denen wir nicht wissen ob sie existieren, wenn wir Kirchen Heiligen widmen, von denen wir nicht wissen ob sie heilig waren, warum errichten wir keine Kirchen zu Ehren der Menschen, die seit Jahrtausenden die Erde/auf Erden - an das Verb erinnere ich mich leider nicht mehr genau.

So werden auf überdimensionalen Gemälden mit zum Teil 10m Länge und 4m Höhe die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung des gesamten Kontinents angeprangert, die Versklawung von Afrikanern, aber auch die Greultaten der Militärjuntas Anfang der 70er; er war z.B. mit Allende und Neruda befreundet.

Wer Lust hat mal reinzuschauen, die Homepage ist sehr gut gemacht und man kann auch einen virtuellen Rundgang begehen:


http://www.capilladelhombre.com/index.html

 
Der Vollständigkeit halber sei auch noch erwähnt dass, man gleich daneben auch das mehr als großzügige Wohnhaus des Maestros besuchen kann, das genau so belassen wurde wie er es verlassen hatte, als er seine Reise in die USA antrat, wo er an einem Herzinfarkt starb. Leider nur mit einem Guide, der es immer ziemlich eilig hat. So kann man gar nicht richtig die Atmosphäre und die vielzähligen Ausstellungsstücke genießen: neben den eigenen Werken auch präkolumbianische Keramiken, Kolonialobjekte aller Art und im Atellier Photos von Persönlichkeiten die ihn besucht haben, aus der Politik (z.B. Mitterand, Castro), aus der Bunte (z.B. Caroline von Monaco) oder Künstler (z.B. Paco de Lucia).

Geht man am Weinkeller und an dem Grill von der Größe einer Tischtennisplatte vorbei, kommt man in den schön angelegten Garten, mit Pool, Skulpturen und einem herrlichen Blick über Quito. Hier ist die Asche Guayasamins unter dem Baum des Lebens begragen.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Quitenisches Wetter


Freunde, in Reiseführern steht manchmal der ein oder andere Schmarrn drin. Aber eben oft auch nicht. Und deswegen sollte man zwar abwegen, aber Tips und Warnungen durchaus ernst nehmen.

An meinem ersten Tag, dem Freitag, hatte ich mir vorgenommen die Innenstadt, in der auch mein Hostal lag, zu erkunden. Diese besteht aus touristischer Sicht grob gesagt aus zwei Teilen: die koloniale Altstadt für tagsüber und in dem neuen Teil das Ausgehviertel La Mariscal für abends. Nach dem Frühstück hat mir der Blick von der Terasse des Hostals verraten dass der Himmel strahlend blau ist, ohne ein einziges Wölkchen und das bei angenehmen 22 bis 24 Grad. Da ich aber von meiner Ankunft in der Nacht zuvor noch wusste dass es dann irgendwann verdammt schattig verden kann, hab ich mir auch einen Pulli in mein Rucksack gestopft. Danach marschierte ich fröhlich drauf los, denn ich bin der Meinung dass sich eine Stadt immer noch zu Fuß am besten erkunden lässt. Bedenkt man die vielen Sehenswürdigkeiten, gab es doch etwas an Strecke zu bewältigen und da es am ersten Tag mehr darum ging sich einen Überblick zu verschaffen, hatte ich beschlossen zwar schon bei den meisten empfohlenen Punkten vorbeizugehen, aber in keine der gefühlten 1.000 Kirchen reinzugehen (auf die Kirchen kommen wir noch zu sprechen, den eine solche Anzahl schreit nach einem eigenen Post), in keines der Museen etc. Von Cafes war aber nicht die Rede. Genau ein solches steuerte ich nach knapp zwei Stunden laufen an, auf der Plaza Grande, gegenüber dem Präsidentenpalast, denn das viele Hügel auf und ab machte mir Durst und die Höhenluft scheint auch schneller meine Blase zusammenzudrücken. Während Kaffee und Mineralswasser langsam bereits erwähntes Organ wieder füllten, konnte ich dem bunten Treiben auf dem Platze zuschauen. Neben Herrscharen von Schuhputzern, Eis-, Handwerkskunst- und Zeitungsverkäufern, waren die Schüler einer Militärschule am auffälligsten, die obwohl sehr jung, mit großem Stolz ihre Ausgehuniformen trugen und dabei doch wie Kinder es eben tun rumalberten.
Anschliesend war das südliche Ende der Altstadt mein Ziel, denn dort ist die Calle Ronda und die soll noch kolonialer sein, als es die koloniale Altstadt ohnehin schon ist. Den Eingang zu dieser Straße bildet die Kreuzung mit einer sehr, sehr breiten Avenida. Als mich die enge Schlucht der Adobe Häuser aus ihrer Umklammerung freigab und ich auf diese Avenida trat dürften sich meine Augen etwas geweitet haben. Über dem Kessel der Altstadt war zwar noch immer strahlend blauer Himmel, aber die Spitzen der umgebenden Hügel (wobei Hügel in dem Zusammenhang leicht untertrieben ist; da Quito als höchste Landeshauptstadt der Welt auf 2.800m liegt, kann man ruhig von Bergen sprechen) schon von Wolken aufgefressen waren, es heftig Blitzte und sich der Schleier des dichten Regens rasant näherte. Ich habe es gerade so noch unter eine ca. 5m breite Steinbrücke geschafft und dann ging es schon los. Es war einer der kräftigsten Regenschauer die ich je erlebt habe, der nicht nur von noch kräftigerem Hagel begleitet wurde, sondern auch von einer Kältefront, die die 24 Grad auf ein Drittel schrumpfen liesen. Da der böhige Wind Regen und Hagel unter die Brücke trieb und somit die 5m Trockenheit nach und nach reduzierte, rückten alle Anwesenden näher zusammen. Eine Angestellte der Stadt die auf ihrem Handwagen Karton sammelte, paar kiffende Jugendliche, ein Parkplatzzuweiser, ein Pärchen das gerade mit ihrem Hund spazieren war. Letztere waren die einzigen denen das Wetter wohl nichts ausmachte, denn sie betrieben weiterhin intensiven Speichelaustausch. Ein völlig durchnässter streunender Hund gesellte sich auch dazu und da versuchte sein angeleinter Artgenosse es seinen Herrchen gleich zu tun. Dies gefiel dem Streuner gar nicht. Irgendwas störte ihn so sehr, dass er sogar bereit war weiterzuziehen und das trockene Plätzchen aufzugeben. Als er das versuchte, schlugen ihm die niederprasselnden Hagelkörner kräftig auf die Schnautze, so dass er erstmal verdutzt für paar Schritte den Rückwärtsgang einlegte. Der Schock war aber schnell verdaut und er zog seines Weges in das kalte Nass. Aber nicht laufend, ja noch nicht mal schnell gehend, sondern langsam und bei erhobenem Haupt mit einem gewissen Stolz. Ich hätte ja gern seinem Beispiel gefolgt, aber meine Regenjacke lag im Hostal. Dabei wäre dies der ideale Härtetest für das neue Teil gewesen. Tja, ja, hätte ich nur auf den Rat des Reiseführers gehorcht: in Quito erlebt man an jedem Tag drei Jahreszeiten (also außer den Teil mit dem Schnee). Oder wie der Quiteno sagt: "el tiempo es como las mujeres!".
Seit dann geh ich nicht mehr aus dem Haus ohne Regenjacke.

So auch nicht an dem darauffolgenden Samstag, zumal es von Anfang an bewölkt war, wenn es auch keine Regenwolken waren. Diesmal war den Plan ein anderer. Ich gönnte mir für 12 Dollar die Fahrt mit einem dem roten Doppeldeckerbusse. Eigentlich nur aus zwei Gründen, den ansonsten fuhr er hauptsächlich vom Vortag bekannte Punkte an. Zum Einen fuhr er den Panecillo hoch, einen der Haushügel im Süden der Stadt und zum Zweiten war eine der Haltestellen die Talstation der Drahseilbahn die auf einen 4050m hohen Felsvorsprung des knapp 4700m hohen Rucu Pichincha führt, von wo aus man nicht nur einen tollen Blick über die Stadt haben soll, sondern auch auf die gar nicht so weit gelegenen 6000er.
Da die Sonne dank der Wolkendecke nicht runterknallte, setzte ich mich frohen Mutes auf das offene Oberdeck, auch wenn es mir nicht ganz gefiel dass die Schleife nach meinem Gusto verkehrtherum gefahren wurde, also erst auf den Panecillo und dann erst zur Drahtseilbahn. Ich tröstete mich mit dem Gedanken dass es wohl doch besser ist erst auf den Hügel zu kommen und dann auf den Berg. Nach dem wir ca. 1 Stunde benötigten um die Altstadt mit ihrem Einbahnstraßenrechtsvorlinksverkehrschaosstau zu durchqueren (zu Fuß wäre es weniger als die Hälfte der Zeit gewesen), nahm der Bus schwer schnaufend den Panecillo in Angriff. Jetzt wurde mir auch klar warum Reiseführer und die Leute im Hostal davon abgeraten haben den Hügel allein und auf die herkömmliche Art zu besteigen, denn dieses Viertel war zwar noch entfernt aber doch auf dem besten Weg das zu werden was man in Brasilien als Favella bezeichnet. Mit jeder Radumdrehung mit der wir uns dem etwas verunglückten Engel der auf der Spitze tronte näherten wurde die Sicht immer beeindruckender. Klar das sowohl die Inkas als auch später die Spanier diesen Ort als strategische Anhöhe nutzten. Als wir ihn erreichten, kündigten die krächzenden Lautsprecher eine zwanzig minütige Pause an, wörtlich als Photo- und Pinkelpause bzw. zum Besichtigen und Besteigen des 41 metrigen Werk eines italiänischen Künstlers.
Am Fuße eben dieses Engels stand, wie könnte es anders sein, denn Klischees müssen bedient werden, ein Indio mit seiner Panflöte und gab Folklore der kitschigstens Sorte zum Besten. Jedoch erfolgte wie aus dem Nichts ein harter Paradigmenwechsel, bei dem ich schier zusammengebrochen bin. Auf einmal spielt der gute Mann mit viel Euphorie und noch mehr Pathos "Griechischer Wein". Was im ersten Moment befremdlich erscheint, macht aber durchaus Sinn. Ich reime mir das so zusammen: vorfolgt man aufmerksam die Nachrichten, dann stellt man fest dass, wenn irgendwo auf der Welt, und sei die Ecke noch so entfernt, ja gar nahe des Abdomen selbiger, eine Katastrophe passiert, ein Flugzeugabsturz, ein Erdbeben oder sonstwas, ein paar Deutsche derwischt es immer. Und eben dieses Wissen hat sich der schlaue Eingeborene zu Nutze gemacht: sobald der Touri-Bus auf dem Hügel erscheint, ein paar Deutsche werden schon dabei sein. Also puste was die Lungen hergeben ein deutsches Lied. Gut, "Griechischer Wein" ist von einem Österreicher, aber die Geschichte lehrt uns dass man das nicht sooooo genau trennen muss.
Nach dem ich genug in die Weite gestarrt hatte, schlenderte ich noch an paar Artesenalzeugsständen vorbei und schon war die Pause rum. Also wieder den Hügel hinab, durch die Altstadt kriechen und dann endlich Richtung Seilbahntalstation. In der dafür benötigten Stunde kam es wie es kommen musste, schließlich war es Nachmittag. Und jetzt wusste ich warum mein Bauch, trotz reichlicher Füllung mit einem venezoelanischen Frühstück, noch die Kraft fand mit das Gefühl zu geben dass es besser wäre erst zur Talstation zu fahren. Es zog sich wieder zu, zwar bei weitem nicht so dramatisch wie am Vortag, aber wo die obere Seilbahnstation liegen soll konnte ich nur raten durch die dort versammelten Wolken. Was blieb mir anders übrig als spontan umzustellen, im Tal zu bleiben und die verbleibende trockene Zeit zu nutzen um den botanischen Garten zu besichtigen. Der ist zwar nicht besonders groß, aber schön angelegt, mit allen Pflanzenarten die in Ecuador so gedeien, an denen verschlungene Pfade vorbei führten. Während ich auf diesen wandelte, erreichten die diesmal nicht so bedrohlichen Wolken auch das Tal, aber die Schleußen öffneten erst als ich den Garten verlassen hatte und mit einem großen Becher Früchtemix in der Hand die Bushaltestelle erreichte. Der letzte verdammte Touri-Bus kam einfach nicht und das obwohl er in ganz Quito der einzige Bus ist der einen Fahrplan hat. Und dabei wurde es immer dunkler und dunkler. Erst dadurch stellte ich fest dass die Handrücken rot glühten und das Gefühl der auf Oberarmen und Gesicht sich immer mehr spannende Haut ließ erahnen dass es an den Stellen auch nicht anders aussieht. Ich glaubte sogar ein leises Zischen zu vernehmen, immer wenn ein Regentropfen die nicht von der Regenjacke, die ich ja diesmal dabei hatte, verdeckte Stelle traf. Hätte ich nur auch auf den zweiten Ratschlag des Reiseführers gehört, der was mit der Stärke der Sonnenstrahlung am Äquator und dem ununterbrochene Nutzen von Sonnencreme zu tun hatte.....
 
 
Ich geh dann jetzt mal mir noch paar Hautfetzen von der Ohrwascheln runterreisen und eine neue Schicht Sunafterburnercreme (net falsch verstehen!!!!) auftragen.
 
 
Nachtrag: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" - Am Arsch!!!!! Regenjacke und eine dicke Schicht Sonnencreme sind meine ständigen Begleiter.

Dienstag, 21. Oktober 2014

Prolog - Teil 2

"Schau't her ... Ich bin's.
Doch nah' ich ganz ernsthaft
Und grüsse Euch, werte Herren und Frauen
Heut' als - Prologus!
"
So lässt Leoncavallo seinen Il Pagliacci beginnen. Und dann nimmt das Drama ihren Lauf. Na hoffentlich gilt dies nicht auch für diese Reise. Für diesen Blog allerdings kann ich es nicht garantieren. Allein der Zusatz Teil 2 im Titel sollte euch skeptisch stimmen. Cineastische Erfahrungen diesbezüglich lassen nichts gutes erahnen.

Nehmen wir doch z.B. unser nürnberger Mädel, die Bullock's Sandra. Was war doch Speed für ein guter Film. Und dann meint sie einen Teil 2 drehen zu müssen. Keanu Reeves hatte wohl den besseren Berater und hat gleich die Finger von gelassen. Gut, sie hat es auch schon geschafft mit Teil 1 und Teil 2 zu floppen und zwar mit Miss Undercover, den sogar so Fernsehzeitschriften wie TV Today, die sonst jeden Mist hochloben, nicht besonders gut bewertet haben. Man muss aber unserer Sandra B. auch zu gute halten dass sie später doch noch reussierte und sogar einen Oscar abgestaubt hat.
Sylvester Stallone hat es gleich zwei mal geschafft einen guten ersten Teil hinzulegen und dann gleich mehrere schlechte sequels. Rocky war damals, zu seiner Zeit, einzigartig. Was danach kam, waren nur Variationen auf dem gleichen Thema, Underdog mal gegen den arivierten, reichen Kollegen, mal gegen den Klassenfeind. Und was viele vergessen ist, dass auch Rambo ein sehr guter Antikriegsfilm war, der so gar nichts mit den daraufvolgenden Teilen zu tun hat. Auch Sly hatte dann noch seinen hellen Moment in Cop Land. Allerdings wird jetzt kaum noch viel kommen. Ich meine wie will man nach so vielen Schönheitsoperationen, mit nur einem Gesichtsausdruck, eine gute schauspielerische Leistung bringen.
Aber genug der Ausflüge in die Welt des Films, sonst muss ich mich auch noch über den Lucas Schorsch auslassen, der uns nach furiosem Anfang gezeigt hat wie paar Teddybären mit Steinschleuder, Pfeil und Bogen eine hochtechnisierte Armee mit Laserwaffen besiegt.

Insbesondere neue Leser werden sich fragen wann der Autor auf den Punkt kommt und ob er nicht das Thema verfehlt. Man kann mir aber nicht vorwerfen dass ich nicht am Anfang gewarnt hätte. Da der Einwand des werten Lesers jedoch nicht ganz von der Hand zu weisen ist, komme ich nun auf das Thema Ecuador zu sprechen. Beinah!!! Ach wie gern hätte ich mir diesmal ein Kapitel das auch nur im entferntesten das Wort Flu(ch)g enthält erspart, ich komme aber nicht drum rum paar Anmerkungen zu unseren Freunden unter dem Kranich zu machen. Sollte ich seiner Zeit unseren französischen Nachbarn und ihrer Fluggesellschaft unrecht getan haben? Verklären sich jene Ereignisse gar in der Erinnerung? Nein! Der Flug nach Dubai in diesem Frühjahr zeigt dass es auch anders geht. Aber nicht bei der Lusthansa.
Als erstes war ich mal geschockt wie hart und vor allem eng Flugzeugsitze sein können. Dabei war mir das Glück sogar noch hold, den ich hatte mir beim Onlinecheckin ein Sitz am Gang reserviert und meine Sitznachbarin, eine schweigsame, haarezählende Anfang Zwanzigjährige mit der Figur einer Vierzehnjährigen war so zierlich, um nicht zu sagen dünn, und biegsam, dass sie sich bisweilen quer in den Sitz flätzen konnte. Allerdings waren ihre Bewegungen beim Wechsel der Position schwer unkontrolliert, was ich durch ihre spitzen Ellenbogen, Knie und richtig schneidige Restextremitäten zu spüren bekam.
Das Essen war dann wirklich mieß. Und das sagt einer der so gut wie alles in sich reinstopft.
Auf jeden Fall scheint man ein größeres Kontingent Schokolade ergattert zu haben, den es gab als Nachtisch einenSchokobrownie und oben drauf noch einen übergroßen Schokotaler auf dem das Emblem der Gesellschaft tronte. Gar übervorfreudig stellte ich dann aus der Entfernung fest, dass sich mir auf dem Kaffeewagen zwei Flaschen klirrend näherten. Gut so, Essen und Schokogeschmack nicht nur runterspülen, sondern wegbrennen. Meine idealistische Anfrage "Cognac, bitte" wurde mit einem milden, nichts gutes verheißendem Lächelnd und dem Wort "Chantré" beantwortet.......
Das Beste war aber das kurz vor der Landung servierte Abendessen. Nach dem ich beim Mittagessen großzügig auf das angebotene Rindfleisch verzichtete und mich für Pasta entschied, schließlich konnte ich nur enttäuscht werden, den ich hatte zwei Abende davor zwei ordentliche Steaks kredenzt bekommen, dachte ich dass ich jetzt doch das leichte Hühnchen testen könnte. Obwohl ich recht weit vorne saß, war bei mir dann Chicken schon aus. Man setzte mir vollmundig hausgemachte Spätzle vor. Doch etwas überrascht musste ich nach dem Abziehen der schon fast rot glühenden Alufolie feststellen das die Spätzle wohl durch die hohe Strahlung die in 10.000m herrscht zu spirelliartige Macaroni mutiert sind. Der Analogkäse und der noch analogere Zwiebelschmelz waren aber spätzlemäßig.
Der Protest der Schwaben an Bord wurde unblutig niedergeschlagen.
Ja von wem eigentlich? Es war wie immer auf Langstreckenflügen. Die Chefstewardess war, ähhh, na ja, was kann man über sie sagen? Sie lebte noch. Glaub ich. Ihre Dritten (Vierten? Fünften?) kamen etwas ins klappern als wir keine viertel Stunde nach dem Start in super schwere Turbulenzen gerieten und sie des öfteren versichern musste dass das Flugzeug es aushält und für solche Situationen ausgelegt sei. Immerhin trug sie auf der ehemals stolz geschwellten Brust (jetzt tendierte sie eher in die Richtung woher der Flieger abgehoben ist) das Abzeichen in Gold "Hindenburg, ich war dabei!". Wo? Auf dem Luftschiff? Dem Politiker? Man weiß es nicht. Paar schön anzusehende junge Hüpfer waren auch dabei. Und natürlich die beiden Quotenstewards. Beide brummten so laut, dass ich schon dachte der Pilot fährt vor lauter Langeweile das Fahrwerk immer ein und aus. Aber nett und zuvorkommend waren's scho.
Und um gleich nochwas positives hinterherzuschieben: die Auswahl der Filme war gut. So halfen mir also Leo, Matt, Tom, Jack & Co. die Zeit zu überbrücken.

Als dann noch, wahrscheinlich dank der späten Stunde, die Imigracion recht flott erledigt war und sogar der Abholdienst des Hostals hinter der sich zurückziehenden Glastür zum Vorschein kam, war die Welt wieder in Ordnung.

Wie ich dann die ersten Tage in Quito verbrachte - nach der Werbung.

Dienstag, 29. März 2011

Herbst

Der Herbst ist da. Und dafür gibt es gleich mehrere untrügliche Zeichen. Da wären zum einen die Temperaturen; der Himmel ist zwar nach wie vor blau und wolkenfrei und tagsüber rennen auch noch alle in kurzen Hosen und T-Shirt rum. Aber so bald es dunkel wird, kommt man um eine lange Hose nicht mehr drumrum und wenn mal halb Zehn durch ist hofft man sein Pulli oder Sweatshirt nicht zu Hause vergessen zu haben.
Und die Sommerferien sind vorbei. Selbst die Pokemons mussten, wahrscheinlich nur wiederwillig, ihre Phantasiekluft gegen die Schuluniform tauschen. Und die gibt es in unterschiedlichsten Ausprägungen, je nach Institution. Bei den Mädchen ist es auf jeden Fall ein Rock (Karomuster scheinen es den Direktoren schwer angetan zu haben) oder ein unifarbenes Kleid Pflicht. Schuhe und Kniestrümpfe sind auch einheitlich. Obenrum gehen die Variationen vom schlichten Polohemd bis hin zu weißem Hemd oder weißem Hemd mit Krawatte. Ähnlich verhält es sich bei den Jungs, ersetzt man das Kleid mit einem Anzug oder den Rock mit einer Stoffhose. Selbstverständlich ist an jeder geeigneten Stellen das Schulemblem eingestickt.
Das krasseste Indiz, optisch wie olfactorisch, dass auch die Unis ihren Betrieb aufgenommen haben, stellen die Erstsemestler dar. Es ist wohl Tradition dass in der ersten Woche diese armen Schweine von den Älteren von oben bis unten mit Farbe beschmiert werden, in die man Fischöl oder irgend was anderes, bestialisch stinkendes gemischt hat, sollte dies nicht ausreichen hängt man ihnen auch noch einen Fischkopf um den Hals und man entledigt sie ihrer Schuhe. Und so stehen die in der Mittagssonne vor sich hindünstenden Kamaraden barfuß an den Strassenecken und flehen die Passanten nach einer Münze an, das sog. Schuhgeld. Nun gut, ich geh mal davon aus dass diese Tradition hinlänglich bekannt ist und so werden die Studenten nicht gerade ihre besten Klamotten anziehen und auch nur die Schuhe die sie schon immer mal loswerden wollten, so daß das eingesackte Geld nicht wirklich nur dem Erwerb neuer Schuhe dient, sondern auch in eine krachende Erstsemesterparty investiert wird.
Mit dem Herbst kam auch Obama. Und mit ihm ein mächtiges Verkehrschaos. Zwei Tage lang wurden die Nerven der Autofahrer und die Hupen ihrer Fahrzeuge arg strapaziert, den man hielt über Stunden hinweg Hauptverkehrswege für die präsidiale Kolonne frei. Aus Sicherheitsgründen wahrscheinlich nicht nur eine Route. Der Höhepunkt der Lärmbelestigung wurde am Montag Abend erreicht. Es begann mit vereinzeltem Hupen, so nach dem Motto "ich drück mal drauf, vielleicht erreich ich ja was" und steigerte sich nach einer halben Stunde in ein ohrenbetäubendes Dauergehupe aus allen Querstraßen ("ich weis dass ich damit nichts erreiche, aber für den Bruchteil einer Sekunde verschafft es Linderung"). Verstärkt wurde das Ganze von einigen Krankenwägen, die natürlich auch nicht durch die verstopften Gassen weitergekommen sind. Es war so höllisch laut, das man keinen klaren Gedanken fassen konnte, also blieb uns nichts anderes übrig als auf die Terrasse rauszugehen und das Spektakel von oben zu betrachten. Als dann nach einer weiteren viertel Stunde ein Hubschrauber über der gesperrten Strecke auftauchte und die Carabineri auch keine Fußgänger passieren ließen, war klar dass es jetzt langsam los geht. Erst rauschten vereinzelte Polizeimotoräder durch, dann kamen Polizeiautos und dann kam erst mal lange nichts. Dann erst sauste der gesamte Tross aus den beiden Präsidialautos und einer unendlichen Reihe von Fahrzeugen mit Sicherheitskräften durch. Und da sich das Ganze so lange hinzog, hatte sich bei den Fußgängern auch schon ordentlich Frust angesammelt, dem sie dann mit gellenden Pfiffen in Richtung der vorbeifahrenden Autos Luft machten. Das Ganze hatte was von Formel 1 mit nur einer Runde: es ist laut, man sitzt ewig und wartet und dann ist das ganze RuckZuck vorbei. Mit dem Lärm wars leider dann doch nicht so schnell vorbei, denn bis sich der Megastau aufgelöst hatte, mussten noch einige Hupen sich die Seele aus dem Leib tröten.

Donnerstag, 24. März 2011

Valparaiso


Nun ist es also soweit. Meine erste Fahrt an den Ozean. Als ich am Freitag gegen halb acht am Busbahnhof ankomme, beglückwünsche ich mich dass ich mir die Tickets zwei Tage davor besorgt habe, denn es herrscht ein Megagedränge und vor jedem der zahlreichen Schalter ewig lange Schlangen. Und dies obwohl allein nach Valparaiso von 'meiner' Busgesellschaft alle 10 min. (!!) ein Gefährt die gut 150 km angeht und es gibt noch mindestens fünf Wettbewerber - dabei handelt es sich um den kleinsten der Terminals der Hauptstadt. Die Busse sind alles Fahrzeuge der neuesten Generation, die beiden Fahrer tragen weise Hemden und Krawatte, das Gepäck tauscht man beim Beifahrer gegen ein Zettel ein und drin ist alles blitzblank sauber, als würde er gerade aus dem Werk kommen; und dies allem bei einem unschlagbaren Preis von nicht mal 10 Euro für Hin- und Rückfahrt. Wir begeben uns auch sofort auf die Autobahn und nach gut einer viertel Stunde passieren wir die etwas höhere Hügelkette die die Valle Central beschützt und fahren durch die ins sanfte Abendlicht getauchte Valle Casablanca und ihre Weisweinrebenreihen. Valparaiso erreichen wir bei Dunkelheit. Während ich mir mein Rucksack schnappe, verstreut sich die Schar der Mitfahrer schnell und ich mache mich auf Richtung Hostal. Obwohl es früher Abend ist, latsche ich durch eine menschenleere Hauptstrasse, zwischen geschlossenen Geschäfte und Restaurants und sehe höchstens mal ein Polizei- oder Militärfahrzeug. Das einzige was zu der gespenstischen Szenerie noch gefehlt hat, wäre etwas aufgewehter Staub und so ein runder, vertrockneter Strauch der quer über die Strasse rollt, wie man ihn in jedem Western mindestens drei mal zu sehen bekommt. Dann dämmert es mir: Tsunamialarm. Valpo besteht zu 5% aus einem schmalen Küstenstreifen und der Rest liegt verstreut auf den 42 sich dahinter recht steil erhebenden Hügel. Dieser am Wasser liegende Teil wurde komplett evakuiert, auch die paar Hotels die da liegen. Na wie gut das mein Hostal den Hügel Bellavista hoch liegt. Auch an dessen Aufgangsstrasse stehen die Carabineri und Armee und lassen Auto und Mensch hoch, aber nicht wieder runter. Da ich tagsüber so gut wie nichts gegessen hatte, bin ich natürlich mit einem ordentlichen Hunger und Durst angekommen, also erkundige ich mich bei der netten Hostalbetreiberin wo ich noch was bekommen könnte. Sie bestätigt mir dass unten alles geschlossen sei und empfiehlt mir ein weiter oben liegendes Restaurant, das eine unglaubliche Sicht über die Bucht haben soll. Versuche eine Volontärin anzurufen, die bereits nachmittags einen geschäftlichen Termin hier hatte und mit der ich mich eigentlich zum Abendessen treffen wollte. Als ich sie nicht erreiche, gehe ich davon aus dass sie gar nicht erst nach Valpo gekommen ist wegen dem Alarm; klar, denn sie ist einen Kopf kleiner als ich, also hätte das Wasser sie zu erst erwischt. Also mache ich mich allein an den immer steiler werdenden Aufstieg, vorbei an weiteren Uniformierten und erreiche kräftig atmend den Platz auf dem sich die Statuen der Nobelpreisträger Neruda und Mistral befinden und auch noch weiterer nicht prämierter Kunstschaffenden. Drehe eine Ehrenrunde und gehe dann in das empfohlene Restaurant. Bekomme eine Tisch an der Ausenkante der Terrasse zugewiesen, auf der mich nur eine mannshohe Panzerglasscheibe vom Abgrund trennt und sich mir ein umwerfender Blick über ganz Valpo und die dazugehörende Meeresbucht bietet. Durch das Schienennetz der Strassenbeleuchtungslaternen bewegen sich die Behördenautos mit ihren blinkenden Blaulichter wie die Dinger in PacMan. Obwohl es ein recht feiner Laden ist (und wahrscheinlich auch nur weil nicht besonders viel los ist), erlauben sich drei der Kellner immer mal wieder den Spaß sich in Reihe aufzustellen und mit Blick aufs Meer zu rufen: "Viene la óla!" um dabei auch die entsprechenden Handbewegungen zu machen. Hier nimmt keiner die Tsunamiwarnung ernst. Alle Experten waren sich einig dass falls überhaupt was ankommt, dann wird es eine 5 cm hohe Welle sein, die zwar mehr Wassermenge mitbringt als üblich, aber völlig kraftlos sein wird. Was die Behörden treiben, ist rein um zu zeigen dass sie was tun und wegen dem schlechten Gewissen vom letzten Jahr, als nach dem heftigen Erdbeben im Februar in Concepcion die Armee die Leute die dabei waren in die Berge zu flüchten zurückgepfiffen hat, nach dem Motto, es gibt kein Tsunami, mit der Konsequenz dass anschließend durch die Wassermassen weit mehr Menschen gestorben sind als durch das Erdbeben selber. Bloß ein einziges mal wird es still im Restaurant und Gäste und Personal starren gemeinsam aufs Wasser was sich tut: als das in der Mitte der Bucht thronende Kriegsschiff unter anhaltendem Horngetute seine lässige Position von längs zu den Wellen in quer zu den Wellen ändert und auch ein paar Fähren einige Meter rausfahren. Hatte aber offensichtlich keine weitere Bedeutung und alle gingen wieder ihren Beschäftigungen nach: die Gäste kauten, tranken, schmatzten und schwatzten und die Kellner bedienten, machten Späßchen und schwatzten mit.
Am nächsten Morgen schien wieder die Sonne und der ganze Tsunamispuk war vorbei. Bei Tageslicht konnte ich erst das Hostal erst so richtig bewundern. Der Name deutet das Aussehen an: Art Hostal Bellavista. Jeder der Treppen die hoch zum Eingang führen sind einzeln bemalt und seitlich davon bilden kleine Mosaiksteinchen meterlange Fabelwesen. Drinnen ist jedes der Zimmer einem anderen Künstler gewidmet und entsprechend angemalt. OK, für meinen Geschmack wurden fast ein bisschen zu grelle Farben ausgesucht und an der ein oder anderen Stelle könnte der Anstrich auch erneuert werden, aber die vier Meter hohen Zimmer, der Aufenthaltsraum in dessen Mitte sich eine riesige Ledercouchgarnitur  befindet und den Wänden an denen eine beachtliche Sammlung von Gegenstäden aus längst vergangener Zeit hängen, das ausgiebigen Frühstück und die humanen Preise gleichen dies alles mehr als aus. Frisch gestärkt mache ich mich an den Anstieg den ich ja schon vom Abend davor kenne, lasse den Platz mit den Statuen links liegen und erreiche so Nerudas Haus, denn natürlich hat sich der Meister den höchsten Punkt des Hügels Bellavista für sein Domizil ausgesucht. Die 4 Stockwerke hohe La Sebastiana liegt in einem nicht mal so kleinen, stufenweise angelegten Garten in dem Rosen blühen und diverse Bänke stehen, die aus einem Wettbewerb mit Bezug auf den Schriftsteller stammen. Der Vorteil hier ist dass man im Gegensatz zu Santiago, wo man in einem recht hohen Tempo im Ramen der Tour vorangetrieben wurde, allein rumrennt, sich somit so viel Zeit nehmen kann wie man möchte und doch alle Infos durch einen von netten Damen ausgehändigten Infophone mitbekommt. Wohnzimmer, Schlafzimmer und Arbeitszimmer liegen übereinander und geben alle einen weitschweifenden Blick über die Stadt und das Wasser frei. Direkt neben dem Wohnzimmer darf auch hier nicht die obligatorische Bar fehlen, hinter der Neruda seine Gäste bewirtete und auch einen eigenen Cocktail kreierte: Champagner, Brandy, Cointreau und Orangensaft. Selbstverständlich sind in jedem Zimmer Erinnerungsstücke von seinen vielen Reisen zu finden oder von persönlichen Freunden. Nimmt man Nerudas Haus in La Isla Negra noch dazu, das nicht kleiner oder gar bescheidener sein soll und bedenkt man dass er noch ein Viertes bauen wollte, wozu es nicht mehr kam, dann wird einem klar dass auch er etwas gleicher war als die Gleichen und wohl nicht so ganz das gelebt hat was er in den 40ern als Mitglied der Kommunistischen Partei und später als Sozialist und Anhänger Allendes predigte.
Die Sonne brutzelt herrlich aufs Fell, also beschliese ich einen Großteils des Tages im Freihen zu verbringen, die unterschiedlichsten Hügel auf- und abzusteigen um so die Stadt zu erkunden und die Aussage aus Lonely Planet zu überprüfen die besagt: "Die UNESCO hat es bestätigt: Ganz Valparaiso ist eine Sehenswürdigkeit.". Und tatsächlich: was aus der Perspektive des nerudaschen Wohnzimmers wie ein Meer aus Farbkleksen von bunten Häusern ausgeschaut hat, stellt sich aus der Nähe als eine Sammlung von einzelnen Kunstwerken heraus. Die Mehrheit der Gebäude sind in ihrer Ganzheit mit Bildern bemalt oder besprüht. Manche mit realistischen Darstellungen, andere phantasievoll. Manche gelungen, andere weniger. Dazwischen immer wieder prachtvolle Kolonialvillen und Parks. Und an jeder Ecke ist entweder ein Schnapsladen oder ein Atelier das auch Kurse anpreist. An der ein oder anderen Stelle zeigt Valpo ihre morbide Seite: einst schöne Gebäude die einfach dem Verfall überlassen werden; und auch ihre unschöne Seite: unbebaute Hügelteile die richtig zugemüllt sind. Es sei erwähnt dass ich die ganzen Strecken bergauf/bergab immer zu Fuß zurückgelegt habe und kein einziges mal mit Hilfe eines der zahlreichen alterwürdigen, scheppernder, quitschenden Ascensores geschummelt habe - nicht dass ich kein Vertrauen in die Ingenieurskunst von vor 150 Jahren hätte. Entsprechend wird es auch Zeit den Flüssigkeitshaushalt auszugleichen, bevor ich einen der höchsten Hügel der Stadt in Angriff nehme. Dazu wähle ich das Cinzano aus, ein Traditionsladen der Stadt. Abends singen hier schon lang erloschene Stars und aus deren Glanzzeit, nein, aus der ihrer Eltern oder Großeltern, stammt auch das ganze Inventar, incl. der Barmännern. Am beeindruckendssten sind die Kühlschränke, wahre Monster der Kühltechnik. Sie scheinen elektrisch zu funktionieren, auch wenn ich den Eindruck habe hier wurden einst noch Eisblöcke händisch eingelegt. Kennt einer die Folge in der Al Bundy während eines heißen Sommers, nach langem Flehen seiner Familie bereit ist eine Klimaanlage zu kaufen? Da er knausrig ist, kauft er natürlich was altes, dafür aber billiges. Beim Auspacken zu Hause stellen sie fest das auf dem Ding in Schrankformat seitlich "Besitz von Erwin Rommel" eingeprägt ist. Nun, diese Kühlschränke stammen wohl aus dem selben Nachlass.
Bereits in der Mitte des Cerro Carcel bin ich schon auser Puste und die Autos im ersten Gang auch. Der Hügel heist so, weil sich darauf der Knast von Valpo befand. Als diesr aufgegeben wurde, haben sich sofort Künstler das Gelände geschnappt und dort ilegale Ausstellungen, Happenings etc veranstaltet. Anscheinends wurden sie verscheucht, denn alles ist abgesperrt und drinnen sind irgend welche Renovierungsarbeiten im Gang. Ob diese dazu dienen sollen das Gefängniss wieder in Betrieb zu nehmen oder was anderes bezwecken ist nicht festzustellen. Also dann, weiter aufwärts zur höchsten Stelle, der Plaza Bismarck. Von hier hat man einen der schönsten Panoramablicke über die ganze Szenerie, wenn mir nicht immer wieder Schweisperlen die Sicht verderben würden. Halb verhungert erreiche ich wieder Meeresspiegelniveau und gehe schnurstraks in einen Laden der in dem bereits erwähnten Reiseführer mit den Worten "fehlende Finesse wird durch die Größe der leckeren Fleischportionen ausgeglichen" beschrieben wird. Die Aussage stimmt nur zur Hälfte: das Stück aus dem toten Getier ist groß und fein und ich fühle mich auch gut bedient, ganz im Gegenteil, der aufmerksame Kellner hat mir auf Nachfrage nicht das Teuerste auf der Karte empfohlen, sondern dasjenige wo Preiß / Leistung stimmt.
Nach weiterem Rumlatschen durch die Strassen sind ich und meine Beine uns einig dass es für Heute gut is und nun etwas sitzen angesagt sei. Bevor es dazu kommt, werde ich an einen Tisch gewunken, von einem lustigen Gespann aus einem Holländer und einem Kanadier, die mich wohl Nachmittags im Cinzano gesehen haben. Sie hatten schon einige Bier und sind in richtiger Erzähllaune. Befreundet seit 18 Jahren, machen sie spätestens jeden zweiten Urlaub gemeinsam, ohne ihre Frauen. Ginge beim Kanadier auch nicht, denn er ist zum dritten mal geschieden. Der Holländer ist zum zweiten mal verheiratet, diesmal mit einer Amerikanerin. Der Kanadier scheint richtig Asche zu haben (Ich hatte Glück mit paar Geschäften), den er verbringt die Winter immer in Costa Rica. Da er europäischer Abstammung ist (Mutter Deutsche, Vater Tscheche) wechselt die Sprache in denen Themen wie Tsunami, Lybien, Frauen etc. beleuchtet werden regelmäsig zwischen Englisch, Spanisch und Deutsch. Zwischendurch wird auch noch ein Amerikaner an den Tisch rangeschrieen, den sie auch von irgendwo her kennen und der aussieht als könnte er Wyatt Erp spielen; tatsächlich war er auch 15 Jahre lang bei der Polizei. Die beiden verabschieden sich schwankend, aber nicht bevor sie dem blinden Straßenmusikanten, der mit Gitare und Mundharmonika dem Blues frönt, einen Stapel seiner selbsgebrannten CDs abkaufen und diese an mich und weitere Gäste großzügig verteilen.
Den Sonntag will ich dem unteren Teil der Stadt widmen, dem der am Wasser liegt. Als erstes finde ich mich auf der Plaza Sotomayor wieder, wo noch mal deutlich wird dass Valparaiso der Hauptsitz der chilenischen Marine ist: das größte und eindrucksvollste Gebäude ist das des Marinekommandos und in der Mitte des Platzes tront ein überdimensionales Denkmal der gefallenen Marinesoldaten; lebendige Exemplare davon flankieren es zu allen Seiten und trotzen stoisch der aufgekommenen Hitze. Von der sich lang hinziehenden Bucht bin ich enttäuscht, den wie ich finde hat es hier die Stadtverwaltung verpasst mehr daraus zu machen. Das Einzige was man sieht, ist ein vierspurige Schnellstrasse. Keine Bars, Clubs, Restaurants oder auch nur einfache Strandbuden von denen aus man mit einem kühlen Getränk in der Hand aufs Wasser starren kann. Bevor ich also noch mehr Abgase statt frischer Meeresluft einatmen muss, drehe ich dem Wasser den Rücken zu und besteige doch noch einen Hügel, mit dem Ziel den Palacio Baburizza zu besichtigen, in dem sich das Museo de Bellas Artes befindet. Allein das Gebäude hat den Aufstieg gelont (erwürdige Parkettböden, Bleiglasfenster, Stuck und in jedem Raum ein Kamin); die Sammlung ist als eher bescheiden zu bezeichnen. Da es schon später Nachmittag ist, geht es wieder den Hügel runter und in eines der im Reiseführer empfohlenen Meeresgetierrestaurants. Es ist gut was los, den Sonntags gehen ganze chilenische Familien gern und ausgiebig essen, aber ich ergattere noch ein Plätzchen. Die Bedienung legt mir den Meeresfrüchteteller ans Herzen und ich vertraue ihr. Ich werde nicht enttäuscht: was auf meinem Tisch landet ist etwas in Größe eines Pizzatellers und aus der Ferne sieht es auch so aus als würden darauf Pizzaecken liegen. Blos dass hier der "Teig" von grünem Salat gebildet wird und die Dreiecke die sonst aus Soße, Belag und Käse bestehen unterschiedlichste frische Meeresfrüchte sind. Das Ganze mit einem leichten Sauvignon Blanc runtergespühlt und es stellt sich ein zufriedenes Grinsen ein. Auf dem Platz vor dem Restaurant lasse ich mir für eine Viertelstunde noch die Sonnenstrahlen auf den verdauenden Ranzen scheinen und dann bin ich bereit im Hostal mein Rucksack abzuholen, zum Busbahnhof zu gehen und die Fahrt nach Santiago anzutreten. Dort angekommen erfahre ich dass wir am Montag eine neue Mitbewohnerin haben: eine brasilianische Stewardess.

Donnerstag, 3. März 2011

Santiaguinische Fortbewegungsmittel

Ich erzähl euch heute mal ein bisschen wie man hier von A nach B gelangen kann, wenn man mal keine Lust hat zu laufen. Vorab: sollte mich in Santiago ein gewaltsamer Tod ereilen, lasst nach dem Busfahrer fanden.
Wir brettern mit gut 80 durch paar Außenbezirke von Santiago. Hier sind die Busse nicht so modern wie die monströsen, ewig langen Dinger im Centrum, bei denen man den Eindruck hat bei einen Pull Truck Rennen zu sein wenn sie die Haltestelle verlassen. Nein, hier sind es Klapperkisten in denen alles vibriert und scheppert. Da es mächtig heiß ist, genügt die Kühlung (?) durch alle zur Seite geschobenen Fenster nicht, sondern wir heizen mit offenen Türen durch die Gegend. Auf selbigen kleben große Plakate mit der Aufschrift: "Zu Ihrer eigenen Sicherheit kann dieses Fahrzeug erst bei geschlossenen Türen losfahren!". Er muss aber auch so schnell fahren, schließlich kommt sein Kollege mit einem Zwillingsgefährt von hinten angeschossen und setzt auch schon auf der zweispurigen Straße zum überholen an. Na dann setze ich mal lieber zu einem Gebet an, während sich meine Hände an der Haltestange unbewusst noch ein bisschen fester krallen (ob die Finger überhaupt noch durchblutet werden?), denn wie aus dem Nichts kommt uns hinter der nächsten Kuppe ein Auto entgegen.
Die Busfahrer sind auch die Einzigen die die Ampeln so mehr als Lichtorgel zur Begleitung ihrer laut aufgedrehten Radios interpretieren. Da haben die Fußgänger schon längst Grün, da schießen noch mindestens drei Busse durch und sie haben immer noch Grüß, da fahren die Kamaraden schon längst los. Die PKW-Fahrer hingegen sind völlig südamerika-untypisch. Sie halten sich strengstens an die Ampelfarben; und jetzt kommts: sie halten an Zebrastreifen an!!! Beim ersten Mal hab ich mir gedacht der will mich verarschen und hab mich nicht getraut die Strasse vor seiner Nase zu überqueren. Also wenn ich da so an Mexico denke.... Ich glaube im Mexicanischen gibt es das Wort Zebrastreifen nicht (noch nicht mal für die armen namensgebenden Tiere) und die Ampeln sind nur Zierde oder haben bestenfalls Empfehlungswert. Hier hingegen sind sogar die Taxifahrer human und halten sich an die Verkehrsregeln. Die Taxen sind schwarz und haben ein gelbes Dach. Innen scheinen aber die Leut Gestaltungsfreiheit zu haben. Eines Tages haben wir eines angehalten um zu dem Steak-Laden der Stadt zu fahren, zum "Vacas Gordas" (Die dicken Kühe). Nur schwer konnten wir unser Gekicher unterdrücken, den der Kollege hatte den gesamten Innenraum, also insbesondere auch die Seitenwände und die Decke, im Kuhmuster designt. Gleiches hat das Restaurant mit der nicht gerade kurzen Außenwand und dem dazugehörenden Bürgersteig gemacht.

An diesem Sonntag habe ich das genießen der letzten Sonnenstrahlen etwas vorverlegt, um das Genießen der allerletzten Sonnenstrahlen auf der Terrasse vorzunehmen. Schließlich muss ich mich ein bisschen ausruhen, den eine Freundin des Wohnungsbesitzers, eine Künstlerin aus New York, hat sich auf der Durchreise zu dem nächsten Ziel der Jagd nach Photos für ihre anstehende Ausstellung in der MoMa angekündigt und Nel will sie mir unbedingt vorstellen, um danach gemeinsam zum Abendessen zu gehen. Also richte ich den Liegestuhl schön Richtung Ost-West aus, fahre das Netbook hoch, stöpsle die Kopfhörer ein und öffne YouTube. Das Violinkonzert von Brahms scheint mir die adäquate Begleitmusik zu sein und ich entscheide mich für die Interpretation von Isaac Stern. Bevor ich meinen Astralkörper (wie astral, fragt ihr? die Sonne wiegt ja auch nicht gerade wenig!) auf das gekrümmte Mobiliar und meinen Kopf auf die dem Holzinstrument sanft entlockten Noten bette, will ich aber noch das Bad aufsuchen. Der ersten Schritt in die erleichternde Richtung ist noch nicht getätigt, da hör ich einen dumpfen, lauten Knall und einige Schreie. Das Lesen folgender Zeilen dauert länger als die Geschehnisse die ich beobachtet habe: ich beuge mich also über die Brüstung und sehe einen der Innenstadtbuse mit eingeschalteter Warnblinkanlage; dann sehe ich eine rumliegende Autotür und den dazugehörenden Renault ein paar Meter weiter, mit der linken Seite völlig zerbeult, das Heck, mit dem es gegen ein Werbeplakat gekracht ist, eingedrückt und die Rückbank und die Beifahrerseite in meterhohen Flammen. Der Fahrer sitzt zusammengesackt, ohnmächtig auf seinem Sitz. Zwei Passanten spurten hin. Die Tür klemmt. Sie ziehen ihn im letzten Moment durchs Fenster raus, dann steht auch schon das ganze Auto in Flammen. Zwei weitere sind mit Feuerlöscher da, wahrscheinlich aus dem Bus oder anderen Autos und halten voll drauf. Man hört auch schon die Sirenen der Feuerwehr, da scheint also ne Feuerwache in der Nähe zu sein. Sie setzen das Auto, oder das was davon übrig geblieben ist, (denn es ist völlig ausgebrannt, alle Scheiben sind geborsten etc) mächtig unter Wasser, um die letzten Kokelnester zu löschen und wahrscheinlich um zu kühlen, damit sich das noch vorhandene Benzin nicht an heißen Teilen entzünden kann. Der Mann bewegt sich wieder, man deutet ihm aber an liegen zu bleiben, bis der Krankenwagen da ist. Schneller als dieser ist nur ein Lokalreporter mit seinem Kameramann.

Die U-Bahn ist immer noch das beste, schnellste und günstigste Fortbewegungsmittel der Stadt. Und wohl auch das modernste. Der Zugang erfolgt elektronisch, mit der sog. Tarjeta Bip!. Die Tarjeta Bip! heißt Tarjeta Bip! weil wenn man die Tarjeta Bip! an die für die Tarjeta Bip! vorgesehen Stelle am Drehkreuz hält, dann ertönt, ihr werde es nicht erraten, ein Bip!. Ertönt hingegen statt dem zarten Bip! ein nervöses Bip!Bip!Bip!, dann weiss man es ist mal wieder Zeit die netten Damen in ihren Glaskasten aufzusuchen und etwas Geld auf die Tarjeta Bip! zu laden. Den "Nein-ich-zahle-in-der-Kantine-nicht-mit-dem-Ausweiss-den-dann-weiss-ich-ja-nicht-wie-viel-die-mir-wirklich-abbuchen" sei gesagt dass jedes Drehkreuz natürlich eine digitale Anzeige hat, die gleichzeitig mit dem Bip! aufleuchtet und anzeigt wie viel auf der Karte noch drauf ist und wie viel abgebucht wurde (denn es gibt vier Tarifstufen, je nach Tageszeit). Die U-Bahnen fahren in einem super schnellen Takt, so dass man auch hier den Eindruck hat da will der eine den anderen überholen. Und doch herrschen zu den Stoßzeiten japanische Verhältnisse. Drum gibt es an den Umsteigebahnhöfen auch neongelb uniformierte Herrschaften, die irgendwann nicht mehr den Zugang erlauben und wie zu besten Wies'n-Zeiten dem Kutscher durch Handzeichen andeuten dass alles ok ist. Um der Sache etwas besser Herr zu werden und die Leut von den Haltestellen wegzubekommen, sind manche Haltestellen einer Linie Rot, andere Grün und manchen Grün/Rot. Während besagten Stoßzeiten haben die Züge seitlich Lichter an die entweder Grün oder Rot leuchten und dann wird auch nur an diesen Haltestellen angehalten. Verstärkt wird die Gedrängeproblematik dadurch dass man hier das System "erst aussteigen, dann einsteigen" noch nicht kapiert hat. Liegt aber auch daran dass manche Helden sich einfach in die Tür stellen (nicht etwa seitlich, nein, quer), auch wenn sie erst in einer halben Stunde aussteigen müssen und sich von da auch nicht wegbewegen, so dass man sie richtig zur Seite schubsen muss, wenn man aussteigen will, was sich beliebig schwierig gestalten kann, wenn die von drausen bereits reindrängen. Na ja, solche Szenen durfte ich nur während der Sprachschulzeit miterleben; jetzt fahre ich ja zwischen den Stoßzeiten zur Arbeit und erst spät Abends zurück. So kann ich auch in Ruhe das Fernsehprogramm der Verkehrsbetriebe auf einem der zahlreichen Flachbildschirmen die an jedem U-Bahn-Gleis hängen genießen. Eine gute Mischung aus Nachrichten, Sport, Musik und zum Glück nur wenig Werbung. Es kann einem aber auch aufs Gemüt hauen, wenn man am frühen Morgen (also gegen Eins), auf nüchternen Magen, einem schmachtenden, sülzenden Ricky Martin über sich ergehen lassen muss. Und wenn man Pech hat, kommt auch noch eine U-Bahn der neuesten Generation, die innen auch Flachbildschirme hat, so dass einem der Schmalz weiterhin auf die Schultern tropft. Hingegen kann einem eine Hüfteschwingende Shakira oder J'Lo durchaus den Start in den Tag versüssen. Das Geld was man in die ganze Unterhaltungstechnik investierte, hat man bei der Belüftung der Haltestellen und der Wagons gespart. Es herrscht eine bullen Hitze. In den großen Haltestellen versucht man es mit einem Herrschaar von Ventilatoren in den Griff zu bekommen, die zusätzlich einen feinen Wassernebel versprühen - klappt aber nicht. Während der Fahrt hat man das Glück dass sich die Fenster der Wagons öffnen lassen; das erhöht den Geräuschpegel erheblich und stört die Yuppies beim telefonieren, die da unten selbstverständlich auch ihr Handy am Ohr kleben haben, falls es nicht schon angewachsen ist.

Eine Fahrt mit einem der wichtigsten Verkehrsmittel in Chile hab ich leider noch nicht unternommen: es ist der Weinzug. Ein Sonderzug der hier in Santiago losfährt, eine Tagesreise unternimmt, an verschiedenen Weingütern anhält und schön brav auf die Besucher während der Besichtigung und der Weinprobe wartet. Hoffentlich kommt es noch dazu.

Donnerstag, 17. Februar 2011

Erster Weinbericht

Bevor ich aber damit beginne, muss ich noch folgendes sagen: ich hätte die ersten paar Zeilen meines letzten Posts nicht schreiben sollen. Offensichtlich habe ich damit den Zorn von La Nina (stellt euch über dem zweiten n eine Tilde vor) geweckt. Die war so am friedlich von Süden nach Norden daherströmen, immer schön entlang der chilenischen Küste, jedoch in sicherer Entfernung. Und dann regte sie sich auf: "Wie, du behauptest, ich könnte es in Santiago im Sommer nicht regnen lassen?!" So kam es dass am Abend des letzten Mittwochs tiefdunkle Wolken über der Stadt hingen und das volle Program, mit Gebrummel und Blitzen boten. Gut, das waren erst mal Drohgebärden, den weiter passierte nichts und sie zogen weiter. Aber am nächsten Morgen waren deren kleinen Brüder da: weit weniger bedrohlich, leichtes Grau, dafür um so inkontinenter. Erstmal ist es positiv, den der Regen reinigte die Luft. Was aber schlimm war: die Tante hat Polarluft mitgeschickt, die sie sonst immer brav vorbeigeschläust hat. So kam es dass ich zum ersten Mal seit ich hier bin, tagsüber lange Hosen angezogen habe; vorher wäre es temperaturtechnisch auch Abends nicht nötig gewesen. Die Eingeborenen haben mir versichert dass dies für einen Sommer völlig unüblich sei und sie sollten Recht behalten, denn nach zwei Tagen war der Spuck vorbei. Die alten Temperaturen und der altbekannte blaue Himmel waren wieder da. Aber bitte Senora La Nina, nicht missverstehen. Ich habe es eingesehen und nach dem elften April dürfen Sie sowieso walten wie Sie es gern hätten.

Der erste Besuch eines Weingutes war bereits während eines sonnigen Nachmittages zur Zeit des Spanischkurses, von der Sprachschule organisiert. Ein Bus wartete auf die Teilnahmewilligen und karrte uns ca. dreisig Kilometer vor die Toren der Stadt zum Weingut Undurraga. Von Außen könnte der gemauerte Zaun eine Auffrischung des Anstriches vertragen und das eine mannshohe R im Logo hängt schief, in nur noch einer Verankerung. Kaum hat man das Tor passiert, verändert sich der Eindruck schlagartig. Das Weiss in dem die ehemaligen Herrenhäuser gestrichen sind blendet einem; sie erinnern mich an die Häuser der Gutsbesitzer in der argentinischen Pampa. Eines davon wird heutzugabe als Ausstellungs-, Verkaufs- und VIP-Probierraum genutzt. In dem anderen befinden sich die Gärstahltanks und der Eingang zum Keller. Der Rasen könnte im Wembley-Stadion auch nicht grüner und gepflegter sein. Im Mitten des kleinen aber feinen Hausparks befindet sich ein See aus dem eine Fontäne in den Himmel schießt. Zwischen den Bäumen sieht man immer mal wieder Skulpturen der Mapuche, der Ureinwohner im Süden des jetzigen Chile. Sie wurden im Übrigen nie von den Spaniern besiegt und untergejocht, sondern ihr Land ist Ende des neunzehnten Jahrhunderts einfach vom Staate Chile annektiert worden, in einer Gemeinschaftsaktion mit Argentinien, die im Süden ihres Landes das Gleiche taten. Wir latschen entlang der Weingärtenreihen und erfahren von unserem lustigen Guide etwas über den Anbau: hier im durch die Berge gut geschützen Valle Central, genau genommen liegt das Gut im Valle del Maipo, werden die Rotweinsorten angebaut. Alle größeren Weingüter haben deswegen auch Land in Küstennähe, wo die Meeresluftströmungen die Weisweinsorten schmeicheln. Neben dem einen Haus steht ein Kranmonster und tauscht einen der arg zerbeulten, mindestens zehn Meter hohen Ausenstahltanks aus, der während des schweren Erdbebens im Februar letzten Jahres einfach mal geborsten ist. Der ganze Hof stand Knöchelhoch unter Wein. Man hatte Sorge dass, neben dem ärgerlichen Verlust, die Säure des Weines den feinen englischen Rasen zerstören würde. Dies ist nicht eingetreten, dafür hätten aber angeblich die Feldhasen vor Freude Tango getanzt. Nach der Besichtigung der Halle mit den Stahltanks und des mit Bariquefässer gespickten Kellers geht es an die Probe. Als erstes einen gut gekühlten Chardonnay - lecker, danach einen Carmenére - leckerer, dann einen Cabernet Sauvignon - fein bariquiert, aber noch zu jung, weil frisch abgefüllt; muss noch ein bischen schlafen. Um einen der Sätze zu bringen, den es auf jeder Ungarnweinverkostungsreise nicht nur einmal zu hören gibt: "Der kommt noch!". Und zum Abschluss einen Dessertwein. Hier wird die englische Bezeichnung Late Harvest benutzt, aber vom Zuckergehalt macht er den Eindruck als würde er über dem deutschen Eiswein liegen. Weil ja die Chilenen auf süss stehen, wie bereits erwähnt, ist er hier nicht in einer Halbliter- oder gar 0,2 Flasche abgefüllt, sondern in einer ganz Normalen. Dadurch wird beim Einschenken auch nicht gegeizt. Meine Zunge klebt sich mal einfach an den Gaumen fest. Es bleibt mir nichts anderes übrig als zur ultimativen, für Notfälle gedachten Waffe zu greifen: Wasser. Um aus der Schockstarre wieder aufzuwachen, reanimiert mich der gütige Guide mit einem weiteren Glas Carmenére. Die hübschen Gläser, mit dem eingravierten Namen und Logo dürfen wir behalten, auch wenn ich Zweifel habe dass meines heile in Deutschland ankommen wird.

Sonntags um die Mittagszeit. Zu zweit machen wir uns auf den Weg zu einem weiteren Weingut in Stadtnähe, Concha y Toro, dem größten Weingut Chiles und eines der zehn größten Weltweit. Nach einer dreiviertelstunde U-Bahn Fahrt und weiteren 15 min im Taxi sind wir da. Die zwei Security-Jungs am Tor zeigen uns wo das Kartenhäuschen ist, wir drücken elf Euro ab und dürfen rein. Hier ist alles um einiges Größer. Bis zum Beginn der Tour sind es noch zwanzig Minuten, also vertreiben wir uns die Zeit im Verkaufsraum der Größe eines Fussballfeldes. Neben allen Weinsorten und Ausbaustufen, beginnend bei 5 Euro bis nach oben offen, gibt es auch nichts was es nicht gibt mit dem Emblem des Gutes bedruckt, bestickt oder eingebrannt. Zu Beginn gibt es erstmal einen Film zu sehen, dann geht es in den Park mit dem ehemaligen Sommerhaus der Familie, das mitlerweile in Büroräumen unterteilt ist. Nein, das Gut ist nicht mehr in Familienbesitz und die Familie die die Aktienmehrheit inne hat, hat auch keine Töchter. Das Haus ist riesig, der Teich ist noch riesiger und der Park ist am riesigstens. Die Familienkapelle der Größe einer Kirche, hat man netterweise ans Dorf abgetreten und sie befindet sich auserhalb der Umzäunung. Dann geht es in die Weingärten. In jeder einzelnen Spalier ist zusammen mit dem untersten Draht ein Bewässerungsschlauch gezogen oder es gibt einen kleinen Bewässerungskanal. Angeblich wird hier auf Maschineneinsatz gänzlich verzichet und alles ist reine Handarbeit. Im Schatten eines kleineren Häuschens gibt es das erste Glas Wein, einen Sauvignon Blanc. Das einzige was ihn auszeichnet ist seine Kühle, denn ansonst ist er arg dünn auf der Brust. Von den reinen Produktionsräumen (Presse, Gärtanks, Abfülllinie etc.) bekommen wir nichts zu sehen, sondern nur die Lagerungsräume der Bariquefässer. Die haben so viel Wein, dass die erste Etage überirdisch ist, mit Klimaanlagen gekühlt und mit dünnem Wassernebel besprüht wird. Hier werden die niederqualitativeren Weine aufbewahrt und so sind die Fässer auch in vier Reihen gestapelt. Unten im Keller ist alles naturbelassen und die Fässer der hoch- und höchstqualitativen Weine werden auch nicht gestapelt, da sie einer ständigen Qualitätskontrolle unterliegen. Hier ruht auch der teuerste Wein, der in einer CoProduktion mit Baron de Rotschild entstanden ist. Der Keller trägt den Namen Casillero del Diablo, da der Legende nach der Gründer, Don Melchior, die besten Weine des Jahrgangs und auch mehrerer Jahrgänge länger lagern wollte und feststellen musste dass es immer weniger wird, weil sich die Dorfbewohner wohl dran vergreifen. Und so streute er das Gerückt, dass hier unten der Teufel persönlich wohne, was die abergläubischen Weinliebhaber offensichtich fernhielt. Na dann kann ja der Durst nicht besonders groß gewesen sein. Zu guter Letzt gibt es den zweiten Wein der Probe, natürlich nach dem Gründer benannt, einen Syrah. Sau lecker. Auch hier dürfen wir die Gläser mitnehmen, man sieht aber auf den ersten Blick dass sie von niedrigerer Qualität sind und man hat sich auch nicht die Mühe gemacht das Logo einzugravieren, sondern nur den Namen. Egal, es ist ein herrlicher Sommernachmittag. Wir wollen es noch bischen geniesen, nicht den Lärm der Großstadt zu hören und setzten uns in den toll hergerichteten Hof. Die Preise der Karte sind echt pasabel für dieses Ambiente, so dass man sich ruhig für eine Viererprobe entschliesen kann. Die Details erspar ich euch, nur so viel: der Merlot war echt der Hammer und das Cuvee aus Cabernet Sauvignon und Syrah auch. Wer Lust hat kann mal auf die Homepage schauen, da bekommt man einen recht guten Eindruck von dem ganzen Protz:
www.conchaytoro.com

Freitag, 11. Februar 2011

Wochenendimpresionen Reloaded

Ich glaub es nicht. Da gehe ich seelenruhig die Straße entlang und auf ein mal spür ich doch tatsächlich ein Wassertropfen auf meinem Arm. Das wird doch nicht anfangen zu tröpfeln? Zum ersten Mal nach mehr als vier Wochen? Ah, ne. War nur eine Klimaanlage die tropft. Wäre ja auch etwas verwunderlich, wenn es bei diesem strahlend blauen Himmel anfangen würde zu Regnen.

La Chascona. Pablo Nerudas Stadthaus. Eigentlich sind es drei voneinander unabhängige Gebäude, die sich an einem kleinen Hang verteilen und untereinander durch schmale, gar nicht mal so unsteile Treppen verbunden sind. Anfangs gab es nur eines der Gebäude, da er es als geheimes Liebesnest für seine Geliebte Matilde Urrutia bauen lies. Nach seiner Scheidung ist er dort eingezogen und so wurde das Anwesen erweitert. Neruda liebte das Meer über alles und so ist die Architektur auch an das kühle Nass angelehnt. Die Decken sind niedrig (obwohl er ein recht großer Mann war) und abgerundet, so dass man das Gefühl hat im Bauch eines Schiffes zu sein; eines der Gebäude sieht aus wie ein Leuchtturm und bot zur damaligen Zeit einen herrlichen Blick über die Stadt bis hin zu den Anden - heutzutage stellen sich stoisch ein paar Wolkenkratzer in den Weg. Und natürlich besitzt jedes der drei Bauten, obwohl sie nicht besonders groß sind, eine eigene Bar. Alles ist vollgestopft mit Andenken (Nobelpreis, Mitbringsel von verschiedensten Reisen rund um den Globus), Kunstwerke (z.B. das Bild von Diego Riviera zeigt Matilde = die Ungekämmte = La Chascona mit zwei Gesichtern und in dem roten, wallenden Haar erkennt man andeutungsweise Nerudas Umrisse) und Photos mit Freunden (z.B. Picasso). An einer Außenwand ist eine Dankesgedenktafel der tschechischen Regierung angebracht, da man lange Zeit annahm dass der Dichter sich den Künstlername Neruda gab (um der Züchtigung des Vaters zu entkommen, der es natürlich nicht lustig gefunden hätte dass der Bub einem so unehrbaren Beruf wie Künstler nachgeht), in Anlehnung an den tschechischen Dichter Jan Neruda, dessen patriotische Gedichte er sehr schätzte. Heute ist man sich sicher dass er die Partitur der Spanischen Tänze von Pablo de Sarasate gesehen hatte, mit der Widmung an die Violonistin Wilma Norma-Neruda. Na was für ein Glück dass sie auch Tschechin war!! Im übrigen, der Grund warum es die Bächlein nicht mehr gibt, ist weil Neruda wenige Tage nach dem Putsch von 73 gestorben ist, an seinem Krebsleiden - nicht wenige sagen an gebrochenem Herzen - und da er ein Freund Allendes war, hat das Militär das Haus verwüstet. Durch die Berühmtheit des Poeten sind viele ausländische Kamerateams ins Land gestürmt und so war das Verbieten einer öffentlichen Trauerfeierlichkeit unmöglich geworden. Und so wurde der Sarg zwischen zwei Reihen von Soldaten durch Santiago getragen, während ein Vorrufer ohne Unterbrechung "Camarada Pablo Neruda!" rief und die Menge mit "Presente!" antwortete und nach jedem dritten mal mit "Presente, ahora y siempre!". Abwechselnd wurden auch die Namen von Allende und Jara gerufen. Es sollte für lange Zeit die letzte demokratischen Kundgebung bleiben.
Matilde lies später das Haus wieder herrichten und hat dort bis zu ihrem Tode gelebt.

Heute habe ich Lust auf ein ordentliches Stück Fleisch. Und Hunger hab ich auch. Nein, kleines Spässchen, natürlich spreche ich von Steaks. Auf Empfehlung gehen wir in einen Laden in Bellavista, der auf den ersten Eindruck recht nobel, sprich teuer, aussieht: schwere, weiße Tischdecken, blankpolierte Gläser für die verschiedenen Getränke, Kellner in weiss und schwarz. Die Preise auf der Karte sprechen da zum Glück was anderes. Ein eineindeutiger Indiz dafür ist immer der Preis des Pisco Sour, dem Nationalaperitiv schlechthin und der kostet hier nur die Hälfte im Vergleich zu sonstigen Läden, die einem dann nur unterdurchschnittliches Mittelmaß servieren. Die Preise der Steaks sind auch erfreulich. Größe und Geschmack ebenfalls. Das Schmatzen und die zufriedenen Gesichter meiner Tischnachbarn bestätigen dies. Da auch der Wein nicht enttäuscht, kann man von einer guten Empfehlung sprechen. Wir rollen uns in eine der unzähligen Bars hier in Bellavista um auf einen Deutschen zu warten, den man aus der Sprachschule kennt. Er erscheint auch, hat die Tochter seiner Vermieterin dabei und diese noch eine Horde Freundinen im Schlepptau. Sind alle anfang Zwanzig, dafür nicht besonder hübsch. Bestimmte Körperpartien entschädigen. Z.B. die Augen und die sicherlich makellose Seele. Zu später Stunde landen wir in einem Karaoke-Laden und lassen uns von südamerikanischen, zum Kitsch tendierende Rhythmen berieseln. Den Mädels gefällts und sie wippen.

Museo der Arte Precolombino. Nett gemacht. Vor allem die Abdeckung aller precolumbusschen Völker aus ganz Lateinamerika beeindruckt. Da es sich aber hauptsächlich auf Gefässe beschränkt, ist es dann nach dem tausendstent Topf auch irgendwann mal gut. Drum ist es mir ein kleines Rätsel warum es der Lonely Planet als das beste Museum in Santiago anpreist. Was aus der Sammlung herussticht, sind ein paar Spachteln mit denen die Eingeborenen sich psychedelisches Zeug in den Schädel gepfiffen haben. Angeblich nur die Schamanen. Aber wer will heute noch wissen ob nicht z.B. auch die "Großer Bär"-Gang (quasi die Urahnen des Escobar-Kartells) davon Gebrauch gemacht hat, wenn nicht sogar regen Handel betrieb?

Sonntag. Später Nachmittag. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Fleißige Leser dieses Blogs wissen wo man sich da aufhält. Diesmal ist der Nebentisch frei, es erscheinen auch keine angedüdelte Chilenen, sondern zwei großgewachsene Australier. Meine Frage woher sie den sind ist rein rhetorisch, denn die rotblonden Harre, die kurzen Hosen mit Seitentaschen und die kaki Buschhemden mit Epauletten schreien es förmlich heraus. Sie arbeiten für eine Werbeproduktionsfirma und diese hat sich so weit von der Heimat herverlagert, weil es angeblich kein anderes Land gibt, in dem man zwischen relativ kurzen Entfernungen die trockenste Wüste der Erde, das fruchtbare Tal Valle Central, das satte Grün des Südens und die eisige Kälte des ganz-im-südens hat. Bzw. quergelesen, zwischen den schneebedeckten Spitzen der Anden und dem Meer keine 200km. Zum Schluss tauscht man freundlich Handynummern aus und verspricht sich mal auf ein Bier zu treffen.

Auch heute möchte ich mit einer Filmempfehlung enden: Der Postman (Il Postino), eine fiktive Geschichte um Neruda. Allein schon wegen der grandiose Leistung von Philippe Noiret, in einer seiner letzten Rollen (oder gar die Letzte?), würde es sich lohnen den Film anzuschauen.

Mittwoch, 2. Februar 2011

Antonyme


Dienstag. 19:00. Nach dem ich mich etwas mehr über die Geschichte von Nuestra Casa informiert habe und mit dem ein oder anderen Bewohner plauderte, die nach und nach von ihren Arbeitsstellen eintrudeln, beginnen wir mit den Vorbereitungen der Essensaustragung. Der Koch rührt kräftig einen riesen Eintopf um, dessen Hauptingredienzien Linsen und Reis sind. Er war auch mal ein Bewohner, der es geschafft hat. Ein Freiwilliger aus dem Viertel und ich sind dabei einen 30 Liter Thermobehälter mit Tee vorzubereiten, während uns drei kleine Kätzchen zwischen den Füßen umhertappen. Da er Chilene ist und hier alles super süss ist, kippt er Unmengen von Zucker rein (selbst wenn man sich an einem der Kioske einen frisch gepressten Fruchtsaft gönnt, muss man mit dem "sin azucar, por favor" recht fix sein, sonst hat man ruck zuck drei große Esslöffel im Getränk; die Verhinderung dessen bringt einem Unverständnis äußernde Blicke ein - tsss, Touristen). Wie aus dem Nichts erscheint eine Familie, die ebenfalls in dem Viertel wohnt, mit ihrer ganzen Horde von Kindern, die frohen Mutes sind und willens mitzuhelfen. Die Kleinste ist gerade mal fünf und wie es sich später rausstellen sollte, eine der aktivsten. Als der Koch mal nicht aufpasst, weil er zum Telefon geht, wird schnell etwas Mehl in den Eintopf gekippt, zum Eindicken; und auch noch paar Gewürzwürfel, um dem Ganzen mehr Geschmack zu verleihen. Dann geht es auch schon los, jeder schnappt sich was: einen der zwei Hocker, den Behälter mit Geschirr, die Tüte mit Brot, das Teefäschen und zwei den Megaeintopf (unterwegs müssen sie ständig die Hände wechseln). Es geht fünf Blocks weiter, vor ein Krankenhaus. Die Stelle ist deswegen gewählt worden, weil sich im Winter viele um das Gebäude scharen, um etwas von der Wärme der Abluft abzubekommen. Schon aus der Ferne wird unsere kleine Prozession erblickt und sofort bildet sich eine Schlange. Es sind alle Altersgruppen vertreten: Alte mit desilusionierten Blicken, Junge mit verschwommen Blicken (weil zugedröhnt), ein Pärchen, ein Mann mit seiner alten Mutter, schweigsam Insichgekehrte, welche die einem offen anblicken und paar Worte wechseln wollen. Einer der Mithelfer will seine Schwester einem kleinen, kautzigen Mann für 20.000 Pesos (ca. 33 Euro) verkaufen. Der meint, er hätte schon lange nicht mehr so viel Geld auf einem Haufen gesehen. Dann bietet ersterer einen Tausch an, gegen den Plastiksack in dem sich der ganze Hab und Gut des Mannes befindet. Er lehnt ab. Was mir im ersten Moment als etwas befremdlicher Scherz erscheint, stellt sich als normaler Umgang raus. Man kennt sich und flunkert. Das herzliche Lachen aller Beteiligten bestätigt dies. Die Helfer sind überrascht dass trotz Sommer heute so viele Leute da sind. Als erstes gehen Teller und Besteck aus. Nach dem dies schnell provisorisch abgespühlt ist, sind nach kurzer Zeit auch Eintopf und Tee aus. Ein paar Nachzügler bekommen leider nichts mehr ab. Alle bedanken sich und gehen ihres Weges, wahrscheinlich um eine Schlafstätte zu suchen.

Dienstag. Kurz nach 23:00. Ich komme zu Hause an. Auf der Terasse vergnügen sich ca. 50 Leute bei elektronischer Musik. Der Hausherr und sein Nachbar schmeißen eine Abschiedsparty, obwohl sie für nur zwei Wochen in Urlaub fliegen. Eine Bedienung reicht Sushi und kühle Getränke. Später gibt es Torte. Ich dusche und geselle mich dazu.